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Kurzgeschichte „Eine Bezirksregierung auf Hexenjagd – die Verschwörung“

An einem grauen, verregneten Wintertag trafen sich die Drei am runden Tisch des großen Besprechungszimmers im Nebengebäude der Bezirksregierung. Ihre weißen Masken in Form von Schnäbeln ließen nur schwer erkennen, was sie in dem Moment empfanden, als sie in zwei Metern Abstand zueinander zwischen je zwei Plexiglasscheiben auf den bequemen Bürostühlen Platz nahmen.

Schulleiter Grinsfels – lässig gekleidet in Jeans und kariertem Hemd  –  bemühte sich um ein Lächeln der Augen, die sich hierbei zu schmalen Schlitzen verengten. Die einladende Hauptdezernentin Eisberg im frischen Blümchen-Kostüm musste zu ihrem Missfallen ihre schmalen Lippen verbergen, die nie ihre Augen an einem Lächeln beteiligen ließen und ihr damit einen Hauch von Bedeutsamkeit verliehen. Dezernent Schönling im blauen Anzug war noch relativ neu im Geschäft und schien seine Rolle zu genießen. Die Drei fühlten sich verbunden durch ihre Staatstreue und den Glauben an Rechtsstaat und Demokratie. Sie wähnten sich geschützt vor Zuschauern, mächtig und stark. Sie bemerkten ihn nicht an ihrer Seite. Doch der Gerechte, selbst unsichtbar, hatte alles im Blick.

Die Hexenjagden der post-demokratischen Epoche sind nicht öffentlich. Die Entscheidungen werden hinter verschlossenen Türen gefällt, die Prozessführung übernehmen andere. Das Verfahren ist formalisiert, die Drei mussten es nur ins Rollen bringen, um sich dann aus dem Schauprozess zurückzuziehen in eine sichere und gesicherte Position des Abwartens. Hexen sind unberechenbar, darin waren sie sich einig. Deswegen hatte es der neue Dezernent auch vorgezogen, nicht mit der beschuldigten Beamtin persönlich zu sprechen. Er hatte sich ganz auf das Urteil ihres Schulleiters verlassen, den freundlichen Herrn Grinsfels, der seinem Namen schließlich alle Ehre machte, stets bereits zu einer aufgeschlossenen herzlichen Kommunikation mit der Bezirksregierung. Die drei bildeten ein gutes Team, so wie sich Herr Grinsfels das vorstellte, als er gut gelaunt das Wort ergriff: „Danke an euch beide, dass ihr trotz dieser schwierigen Umstände so schnell ein persönliches Gespräch möglich machen konntet. Elfriede, du als meine Vor-Vorgängerin kennst die Problematik ja aus eigener Erfahrung und du, Hans, hattest mich nach eurem intensiven Gespräch ganz deutlich gewarnt. Sie hat schon mehr als einen Schulleiter verschlissen – um das mal ein bisschen flapsig auszudrücken.“

Die große und schlanke Haupt-Dezernentin Eisberg drehte sich grazil aus ihrer Hüfte heraus in Richtung des Schulleiters und entgegnete betont zugewandt: „ Ich habe großes Verständnis für deine Eingabe. Damals bestand nicht die Möglichkeit, in der Sache weiterzugehen. Die Bezirksregierung möchte öffentliches Aufsehen und negative Schlagzeilen vermeiden. Deswegen hatte man mir dann zeitnah die Beförderung zur Dezernentin in Aussicht gestellt. Eine weitere Zusammenarbeit stellte sich als unerträglich heraus. Ich habe das Angebot wenig später dankend angenommen.“

Herr Schönling räusperte sich kaum vernehmbar hinter seiner Maske: „Hier geht es schließlich um das Ansehen des Schulleiters in der Schulgemeinde und um den allgemeinen Schulfrieden. Und der wurde durch ihre Aktion massiv gestört!  Da haben sich sowohl Unterstützer als auch Gegner des Auftritts massiv zu Wort gemeldet. Ich habe daraufhin  Arthur geraten, ihr jeglichen maskenlosen Gesprächskontakt zu Schülerinnen und Schülern klar zu untersagen – auch wenn sie jetzt ein Attest vorlegen kann. So können wir besser unsere Positionen verteidigen und die Meinungsbildung positiv beeinflussen.“    

Frau Eisberg warf ein: „Wir waren hier völlig überrascht, dass sie ein Jahr nach Beginn der Pandemie dann doch so schnell ein Attest vorweisen konnte.“

Grinsfels: „Da sollen sich mehrere Schülerinnen für sie eingesetzt haben – diese unsägliche Rund-Mail!“ 

Frau Eisberg: „ Genau genommen hat das sogar Vorteile. Wir haben einen Vater, der es so schön klar ausgedrückt hat. Ob sie nun wirklich keine Maske tragen kann oder eine Simulantin ist, das müssen wir überhaupt nicht beurteilen oder beweisen können. Ihre Querdenker-Äußerungen zur Pandemie reichen aus, da sind wir uns einig! Ihr dienstliches Verhalten ist nicht mehr mit einem Unterrichtseinsatz zu vereinbaren.“

Herr Schönling ergänzte: „Der Tenor der Gerichte geht klar dahin, dass der Schutz der Gesundheit Vorrang hat vor den Grundrechten der Maskenbefreiten. Gefährder sind vom öffentlichen Leben auszuschließen.“

Dezernentin Eisberg richtete sich in ihrem Bürostuhl auf, um sich mehr Größe zu verleihen und betonte jedes einzelne Wort, als ob nun eine enorme Last von ihr abfiele: „Die Pandemie erleichtert uns das Vorgehen. Schon vor der Entscheidung der Rechtsabteilung konnten wir im Sinne der Schulgemeinde beschließen, sie aus dem Präsenzunterricht herauszunehmen. Damit ist der erste Schritt für das  Disziplinarverfahren vorweg genommen! Das erhöht unsere Erfolgsaussichten!“    

Der Gerechte fühlte sich an alte Zeiten erinnert. Schon im Mittelalter hatte eine pandemische Seuche die Menschheit in eine beispiellose Massenhysterie abgleiten lassen. Doch dass sich die Geschichte nun zu wiederholen schien, nahm er irritiert zur Kenntnis. Das Corona-Virus ist doch bei weitem nicht so tödlich wie die Pest des Mittelalters, der ganze Dörfer zum Opfer gefallen waren. Wollen die Menschen nun kollektiven Selbstmord begehen aus Angst vor dem Tod, den sie seit Jahrzehnten systematisch aus ihrem Leben zu verdrängen versuchen? Wo sind Mut und Entschlossenheit geblieben und die Fähigkeit der Regierenden, die Massen zu beruhigen? Sind irrationale Gewaltausbrüche gegen Maskenlose und Impfgegner die Zukunft dieses Landes? Im Zeichen des Bürgerkrieges gehören Verschwörungen zur neuen alten Normalität, dachte der Gerechte. Es muss wieder Märtyrer geben!

Arthur Grinsfels hatte eine Vorliebe für die Kommunikation auf Augenhöhe gegenüber der Lehrerschaft. Mit seinem kumpelhaften Auftreten ließen sich zusätzliche Arbeitsbelastungen besser durchsetzen und nervige Kritik im Keim ersticken – zumindest bei den meisten! Im Kollegium erhöhte das Duzen seine Glaubwürdigkeit, wenn es um Konflikte mit einzelnen Lehrkräften ging, weil er bei den Folgsamen als stets zugänglich und verständnisvoll galt. Wer sollte da schon annehmen, dass er ein dienstrechtliches Vorgehen gegen Quertreiber erst in die Wege leitete, um danach ein Gespräch zur gütlichen Klärung und zur Entwicklung von gemeinsamen Zukunftsperspektiven anzubieten.    

Der Gerechte schüttelte angewidert den Kopf. Baut die Zuversicht auf Pappe, so ist der Einsturz vorhersehbar, wenn ein Elefant die Brücke betritt. Und wenn drei Elefanten in einen Porzellanladen hinein spazieren, schaffen sie es zwar, alles gründlich zu zerstören, doch steigt dabei auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich selbst oder Ihresgleichen verletzen. Die Risiko-Nutzen-Abwägung ist eine Frage der Weitsicht und des Verstandes. Diesen zu benutzen, dazu sind Angst- und Hass-gesteuerte Menschen meist nicht mehr fähig. Sie werden der Fata Morgana ihrer Träume zuversichtlich hinterherlaufen. Wenn sie die Täuschung erkennen, wird es zu spät sein. Die Geschichte wiederholt sich ständig in immer wieder denselben Zyklen des Aufstiegs, der Entstehung von Hochkulturen und des unweigerlichen Abstiegs. Eine Epoche der Aufklärung kann genauso wenig Bestand haben wie eine Epoche der Unterwerfung unter irrationale Glaubenssätze. Alles hat seine Zeit!   

Es gibt nur einen Weg – zurück!