Der Kampf gegen das Corona-Virus und welche Toten man nicht zählt

Kontaktverbote oder Ausgangssperren – weltweit übertreffen sich die Regierungen derzeit in der Härte der Grundrechtseinschränkungen ihrer Bürger. Das Corona-Virus hat sich von China aus in nur wenigen Monaten weltweit ausgebreitet und dabei eine Pandemie eines Ausmaßes erzeugt, das wohl kaum an die Opferzahlen der Spanischen Grippe von 1918/1919 mit bis zu ca. 50 Millionen Toten weltweit heranreichen wird, dafür aber einen Teil der weltumspannenden Wirtschaft weitgehend lahmlegt. Neben einem dennoch kaum zu verhindernden Zusammenbruch des Gesundheitssystems mit katastrophalen Zuständen in den Krankenhäusern werden die drakonischen Einschränkungen zur Bekämpfung der Coronavirus-Ausbreitung zusätzliche Tote produzieren – eine unabsehbar hohe Zahl an Suiziden, an stressbedingten Erkrankungen mit Todesfolge sowie an Opfern häuslicher und außerhäuslicher Gewalt.

Die Virus-Toten zählt man – die Toten in Folge des Shutdowns und der Ausgangssperren zählen nicht.

Made in China?

 

Das Corona-Virus empfinden wir auch deshalb als beängstigend, weil ohne ein Testergebnis niemand genau sagen kann, ob er das Virus in sich trägt oder die Infektion bereits unerkannt überstanden haben könnte. Die möglichen Symptome sind genauso vielfältig wie wenig eindeutig. Getestet wurde in Deutschland bislang nur, wer einen erwiesenen Kontakt zu einem Corona-Erkrankten hatte oder sich in einem Risikogebiet aufgehalten hatte und Symptome zeigte. Mittlerweile kann man Deutschland als Ganzes mit seinen über dreißig tausend bestätigten Fällen längst selbst als Risikogebiet einstufen, und das Robert-Koch-Institut empfiehlt nun auch Tests für alle Personen, die an Atemwegserkrankungen leiden – sofern die Laborkapazitäten reichen. Doch gibt es auch milde Verläufe, bei denen die Erkrankten weder über Fieber noch über Husten klagen. Könnten Symptome wie extreme Schwäche und Kopfschmerzen auf eine Corona-Infektion hinweisen? Ist der Reizhusten im Frühling allergisch-bedingt oder vielleicht doch ein Hinweis auf das Virus oder spielt uns etwa unsere Wahrnehmung  einen Streich, weil wir völlig fixiert auf die Ansteckungsgefahr auf Krankheitssymptome warten?

Gerade die derzeit geforderte soziale Isolation kann sowohl psychische Erkrankungen als auch eingebildete Krankheitssymptome auslösen. Ausgangssperren mit eingeschränkter oder gänzlich verbotener sportlicher Betätigung an der frischen Luft begünstigen unter anderem Kreislaufbeschwerden, Herz-Kreislauferkrankungen sowie eine Schwächung der Immunabwehr aufgrund des Bewegungsmangels und der schlechten psychischen Verfassung der Eingesperrten. Wer alleine lebt ist sicherlich besonders gefährdet durch Depressionen. Auf engem Raum zusammengepferchten Familien drohen eher Aggressionsausbrüche – zumal eine Entspannung der Lage derzeit nicht absehbar ist.

Welche Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind sinnvoll und erforderlich?   

Selbst die Virologen als Fachleute streiten sich über diese Frage. Das Corona-Virus ist offensichtlich sehr viel ansteckender als die herkömmliche Grippe und hat die Eigenschaft, sich aufgrund der  langen Inkubationszeit unbemerkt mit enormer Dunkelziffer auszubreiten. Die Erkrankten sind bereits vor dem Auftreten von Symptomen ansteckend und teilweise wohl auch ohne das Vorhandensein irgendwelcher eindeutiger Krankheitserscheinungen. Ohne Gegenmaßnahmen wären in wenigen Monaten vielleicht sogar nahezu zwei Drittel der Bevölkerung infiziert – darunter auch ein erheblicher Anteil der Ärzte und des Pflegepersonals sowie der Feuerwehr- und Polizeiangehörigen.

Die Corona-Erkrankung verläuft zwar den Einschätzungen zufolge bei ca. 80 Prozent der Infizierten eher mild, doch wäre nichts desto trotz mit kaum zeitlich verschobenen  Arbeitsunfähigkeiten von durchschnittlich zwei Wochen pro Erkranktem zu rechnen. Die Zahl der Toten würde mit hoher Wahrscheinlichkeit nach derzeitigen Erkenntnissen um ein Vielfaches höher ausfallen als bei einer verlangsamten Ausbreitung der Pandemie, und das nicht nur, weil in den Krankenhäusern Intensivbetten für die zu beatmenden Corona-Patienten fehlen würden wie unter anderem in Italien und  Spanien. Ganz viele lebensnotwendige andere Behandlungen könnten ebenfalls nicht mehr im erforderlichen Umfang durchgeführt werden, sogar die Versorgung von Unfallopfern wäre unter Umständen gefährdet.

Zu einer großen Herausforderung  wird bei  einem ungehemmten Epidemie-Verlauf auch die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Die Produktion lebenswichtiger Güter könnte aufgrund der zeitnah auftretenden Ausfälle zahlreicher Arbeitskräfte teilweise zum Erliegen kommen, Lieferketten könnten zusammenbrechen. Befürchtete oder tatsächliche Engpässe würden dann wohlmöglich nicht nur zu Hamsterkäufen führen, sondern auch zu bürgerkriegsähnlichen Gewaltausbrüchen im Kampf um Lebensmittel, Medikamente oder einen Behandlungsplatz. Derartige Folgen könnte allerdings auch ein andauernder Shutdown nach sich ziehen, wenn etwa massive Ernteausfälle nicht verhindert werden. Wegen der Grenzschließungen könnten beispielsweise in Deutschland dringend benötigte Erntehelfer fehlen.

Was unterscheidet effektive Schutzmaßnahmen von der bedenklichen Überreaktion eines „starken Staates“?

Eine Einschränkung der Grundrechte ist dann als zu schwerwiegend und unverhältnismäßig zu bewerten, wenn ihr Nutzen nicht ersichtlich ist oder wenn die daraus resultierenden Schäden mit hoher Wahrscheinlichkeit überwiegen werden. Die Ansteckungsrate wird sicherlich verringert, wenn ein Großteil der Bevölkerung die meiste Zeit des Tages nur mit seinen Angehörigen zu Hause verbringt. Das Abstandhalten im öffentlichen Raum kann man eindeutig als eine effektive Maßnahme der Epidemie-Eindämmung bewerten. Doch zweifle ich ganz entschieden am Effekt darüber hinaus gehender totalitärer Grundrechtsbeschränkungen wie Ausgangssperren, bei denen das Verlassen der eigenen Wohnung nur noch mit einem Passierschein erlaubt ist. Wenn der Aufenthalt im Freien für sportliche Betätigungen wie Spaziergänge und das Joggen oder Fahrradfahren über Wochen überhaupt nicht mehr gestattet ist, dann führt diese Situation kurzfristig bei vielen zu einer Art „Lagerkoller“ und mittelfristig zu einer kollektiven Psychose. Das Infektionsschutzgesetz sieht Ausgangssperren nicht vor, doch interpretiert unter anderem die Bayerische  Landesregierung als Rechtsgrundlage die Notwendigkeit dieser „Schutzmaßnahme“ in die unklare Gesetzesformulierung hinein.

Es ist nicht einfach, die Entscheidungen der Politiker in der Krise objektiv zu bewerten. Meiner Meinung nach sind Kontaktverbote, Versammlungsverbote, Schließungen von Schulen, Läden, Unternehmen im Home-Office und ähnliche Einschränkungen des öffentlichen Lebens in der derzeitigen Lage für einen begrenzten Zeitraum unumgänglich. Die Frage bleibt dennoch auch hier, wie lange diese Maßnahmen andauern dürfen und in welcher Härte sie durchgesetzt werden sollten, und ob sie nicht im Ergebnis mehr Schaden als Nutzen anrichten könnten. Die wirtschaftliche Existenzvernichtung könnte die Selbstmordrate explodieren lassen. Eine dauerhafte Unterversorgung oder nachhaltige Verarmung der Bevölkerung ist sicherlich nicht dazu geeignet, unsere bisherige Lebenserwartung aufrecht zu erhalten.

Die meisten betroffenen Länder scheinen nach der Zuspitzung der Krise auf drakonische Maßnahmen zurückzugreifen – oft auf wenig effiziente oder sogar sinnfreie Art und Weise. Im Städtchen Tirschenreuth in Bayern ist selbst das Joggen allein im Wald verboten – obwohl eine Ansteckungsgefahr hierbei definitiv auszuschließen ist, so lange wie jeder Sporttreibende im Freien ausreichend Abstand zu seinen Mitbürgern einhält.

In Frankreich sieht die verschärfte Ausgangssperre mittlerweile nur noch ein einstündiges tägliches Bewegen an der frischen Luft vor – mit Passierschein und alleine im Radius von einem Kilometer um das eigene Wohnhaus herum. Hier erkennt man, wo der Staat seinen Bürgern jegliche Vernunft und Eigenverantwortung abspricht und hofft,  sich die Durchsetzung seiner Maßnahmen erleichtern zu können – in der irrigen Annahme, dass Ausgangssperren besser zu kontrollieren seien als Kontaktverbote. Das mag für an autoritäre Regierungsformen gewöhnte Völker wie die Chinesen zutreffen, im zutiefst gespaltenen Deutschland mit einem erheblichen Anteil an staatliche Institutionen und deutsches Recht nicht respektierenden Bevölkerungsanteilen könnte der Schuss nach hinten losgehen. Ein bayerisches Dorf ist nicht mit einer Großstadt im Ruhrgebiet zu vergleichen.

Wann und wie wäre ein Ausstieg aus dem totalen Shutdown möglich?

Einige Wirtschaftsexperten sprechen sich für das Tragen von Gesichtsmasken oder einem Mundschutz in der Öffentlichkeit aus und fordern die Durchführung von Corona-Massentests, damit die Wirtschaftsaktivität möglichst bald wieder hochgefahren werden kann. Bei längerem Shutdown – und darüber sind sich die Experten wohl einig – wird kein noch so gut gemeinter Rettungsschirm das massenhafte Auftreten von Unternehmens- und Privatinsolvenzen dauerhaft verhindern können.

Aktuelle Veröffentlichungen machen Hoffnung, dass wohlmöglich bald ein Test auf Antikörper gegen das Corona-Virus zur Verfügung stehen könnte.  Dieser Test müsste für jeden Bundesbürger verfügbar sein, um das Wieder-Hochfahren der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens schrittweise und selektiv einleiten zu können – ohne den Schutz des besonders gefährdeten Personenkreises  vernachlässigen zu müssen.

 

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/111226/Erster-Antikoerpertest-fuer-SARS-CoV-2-vorgestellt

Erster Antikörpertest für SARS-CoV-2 vorgestellt

Freitag, 20. März 2020

Mit dem bisherigen Test auf der Basis der Polymerasekettenreaktion (PCR) lassen sich nur aktive Infektionen erkennen, wenn sich das Virus gerade im Körper vermehrt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass viele Infektionen nicht bemerkt werden, weil der Verlauf asymptomatisch ist oder die Symptome als Zeichen einer anderen Erkrankung gedeutet werden.

Alle Infizierte entwickeln (unabhängig davon, ob sie erkranken) neutralisierende Antikörper, die sie vor einer erneuten Ansteckung schützen. Die Zunahme dieses Personenpools könnte dazu beitragen, dass die derzeitige SARS-CoV-2-Epidemie allmählich abflaut.

Mit einem Antikörper-Test könnten die Gesundheitsbehörden in Serosurveys den Immun­status der Bevölkerung untersuchen. Die Ergebnisse könnten wichtige Entscheidungen über Public-Health-Maßnahmen wie die Wiedereröffnung von öffentlichen Einrichtungen beeinflussen. Durch die Testung des Personals könnten Kliniken gezielt Ärzte und Pflegende mit positivem Antikörper-Test für die Betreuung von Patienten mit COVID-19 abstellen…

 

https://www.spektrum.de/wissen/antikoerper-test-soll-ausmass-der-corona-pandemie-offenbaren/1714850

23.03.2020  von Jan Osterkamp

… Möglichst einfache Schnelltests auf eine akute Infektion mit Sars-CoV2 sind in der Corona-Krise dringend nötig, um Infizierte schnell zu finden: So kann der Patient im Idealfall rasch behandelt und zudem das Ansteckungsrisiko für andere Menschen minimiert werden. Im weiteren Verlauf der Pandemie dürfte es aber immer wichtiger werden zu erfahren, wer schon einmal Kontakt mit dem Virus hatte und die Infektion überstanden hat und womöglich immun gegen eine Neuansteckung ist. Jene Menschen könnten dann vielleicht gefahrlos in ihre Berufe zurückkehren und auf Kontaktsperren verzichten…

Noch gibt es keinen einsatzreifen Test auf solche langfristig wirksamen Antikörper von geheilten Covid-19-Patienten…

Für Schnelltests in der akuten Phase einer Erkrankung sind Antikörper-Tests kaum besonders geeignet, weil sämtliche Varianten von Antikörpern im Blut erst nach einiger Zeit nachweisbar sind. Als Test von genesenen Patienten oder auf der Suche nach immun gewordenen Menschen könnte er aber sehr hilfreich sein…

 

Das Ziel aller Bestrebungen in Corona-Zeiten ist mittlerweile, möglichst viele Menschenleben zu retten bei einem möglichst geringen wirtschaftlichen Schaden. Zunächst hatte die Politik nur die Wirtschaft im Auge und zögerte Veranstaltungs- und Versammlungsverbote sowie Schulschließungen so lange hinaus, bis das Virus auch in Politikerkreisen um sich griff und unsere Regierenden große Angst um sich selbst bekamen. Nun steht die Sicherheit im Vordergrund bei einer teilweise totalitären Einschränkung der Freiheit. Hoffen wir, dass wir nicht den falschen Weg aufgezwungen bekommen, auf dem wir sowohl Sicherheit als auch Freiheit und Wohlstand vorübergehend oder sogar dauerhaft verlieren.

Manchmal ist es die Intuition, die uns den weniger gefährlichen erfolgversprechenderen Weg erkennen lässt. Doch ist Intuition ein Produkt aus Beobachtung und Erfahrung – und an beidem mangelt es den Verantwortlichen in der Corona-Krise. Das Virus ist neu und damit noch schwer einzuschätzen, und die Zeit für eine Beobachtung der Wirksamkeit weniger einschneidender Maßnahmen nimmt man sich vielerorts nicht. Ob der Gesundheitsschutz der Allgemeinheit auf dem mittlerweile am häufigsten eingeschlagenen Weg tatsächlich am besten umgesetzt werden kann, bleibt daher mehr als fraglich. Die Zukunft wird es uns zeigen – oder auch nicht. Wir können uns letztendlich nur für jeweils einen der möglichen Wege entscheiden und werden nie mit absoluter Sicherheit feststellen, was beim Beschreiten des anderen Weges geschehen wäre. Bewegung in der Zeit ist nicht umkehrbar, Versäumnisse als auch Überreaktionen lassen sich bei der Dynamik einer Pandemie nicht korrigieren.

 

 

 

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