Im Schatten der nuklearen Abschreckung – die Dienstleister der französischen Atom-U-Boote auf der Halbinsel von Crozon

Sie sind der Stolz der Atommacht Frankreich – die vier Atom-U-Boote mit Heimathafen auf der Ȋle Longue in der Bretagne, am Finistère. Die U-Boot-Basis wurde zwischen 1967 und 1970 gegen den Protest der lokalen Bevölkerung gebaut (Quelle 1 s. u.). Die Bewohner der Ȋle Longue und des benachbarten bewaldeten Granithügels „Guénvenez“ hatte man für das Prestige-Projekt von de Gaulle enteignet und umgesiedelt. Die große Befürchtung der Gegner sollte sich jedoch nicht bewahrheiten: das französische Militär übernahm in Folge nicht die gesamte idyllische Halbinsel von Crozon als militärisches Sperrgebiet, sondern lebt heute in friedlicher Koexistenz mit Anwohnern und Touristen.

Die idyllische „Pointe du Toulinguet“ bei Carmaret (im Hintergrund) bleibt dem Militär vorbehalten – und den wachsamen Augen der Möwen.

 

Die militärischen Einrichtungen auf der Halbinsel von Crozon:    links/Mitte  DGSE-Kampfschwimmer-Kaserne bei Quélern, Mitte Atom-U-Boote und Atom-Sprengköpfe-Lager auf der Ȋle Longue, unten Mitte links das Raketen-Treibstoff-Lager und Wartung der U-Boot-Raketen ohne Sprengköpfe im Hügel von Guénvenez, rechts an der Küste die Luftfahrt- und Marinebasis von Lanvéoc-Poulmic mit der Marine-Schule und den Kampfhubschraubern

 

Bei Lanvéoc liegt die  Militär-Basis „Base Aéro-navale de Lanvéoc-Poulmic“, die Wanderer entlang der Küste auf einen Umweg durch das Inland zwingt, eine Militärschule beherbergt sowie die Kampfhubschrauber, die regelmäßig über der Halbinsel von Crozon und der Bucht von Douarnenez kreisen und auch an Rettungsaktionen auf dem Meer beteiligt sind.

 

Marine-SchuleEcole navale“ von Lanvéoc-Poulmic: Schiffsschraube vom Typ der ersten Atom-U-Boot-Klasse (SNLE) „Le Redoutable“  

 

Das Fort von Quélern bei Roscanvel wird seit 1985 mitsamt des umliegenden Trainingsgeländes vom französischen Auslandsgeheimdient DGSE genutzt. Dort werden die Kampfschwimmer auf die Durchführung von Anschlägen vorbereitet. In Quélern wurde die Einheit erst nach der Rainbow-Warrior-Affäre (5) angesiedelt, in deren Folge ein Fotograf durch den von der DGSE verübten Bomben-Anschlag auf ein Greenpeace-Schiff getötet worden war. Greenpeace wollte gegen die französischen Kernwaffentests im Mururoa-Atoll demonstrieren, als das Schiff im Hafen von Auckland in Neuseeland durch zwei Bomben versenkt wurde, platziert von Kampfschwimmern des Service Action. Der Service Action (4), deren maritime Spezialausbildung im CPEOM in Quélern erfolgt, ist zuständig für die Planung und Durchführung von nachrichtendienstlichen und terroristischen Operationen im Auftrag der französischen Regierung. Hierzu zählen die Sabotage und die Zerstörung vom Material als auch die Liquidierung und Entführung von Personen. Die Stationierung der Einheit gegenüber dem äußerst sensiblen Atomraketen-und U-Boot Standort der Ȋle Longue erscheint daher in mehrfacher Hinsicht als sinnvoll. Das Vorgehen gegen mögliche „Gefährder“ kann als zusätzliche Dienstleistung direkt vom Stützpunkt aus erfolgen.

Eine Straße durchquert das militärische Sperrgebiet um das Fort herum. Rechts und links der Straße warnen Verbotsschilder vor dem unbefugten Betreten des Militärgeländes auf Französisch, Englisch und Deutsch. Deutsche Touristen werden mit Hinweis auf das „neue strasgesetzbuch“ – was auch immer das sein soll – darauf hingewiesen, dass man ein  „militärische Geländen“ vor sich habe, zu dem der Eintritt verboten sei.

 

Vor dem militärischen Trainingsgelände des CPEOM bei Quélern

 

In einem Wander-Führer wird die Gendarmerie als derzeitiger Nutzer des Forts von Quélern genannt. In dem Heft, das markierte Rundwanderwege beschreibt, erfährt man zudem, dass das Fort von einem Mantel des Schweigens und der Geheimniskrämerei umgeben sei. So ganz geheim ist die Nutzung der Anlagen durch die Kampfschwimmer-Einheit der DGSE genannt CPEOM (centre parachutiste d’entraînement aux opérations maritimes) allerdings nicht. Eine einfache Google-Suche führt zu Ergebnissen (3, 4) und in einem offen zugänglichen Militär-Forum (2) wird der Unterschied zwischen den Kampfschwimmern der Marine und denen der DGSE mit Basis in Quélern diskutiert (Übersetzung von Ausschnitten der Kommentare verschiedener Autoren):

„Kleine Frage: wir wissen sehr wohl, dass das CPEOM das Trainingszentrum der Seeoperationen der DGSE ist (ADT,) und dass das Kommando Hubert ein Kommando der speziellen Einsatzkräfte der nationalen Marine ist….  

CPEOM, Einheit der DGSE, die im Geheimen agiert und bei absoluter Geheimhaltung. Außer in besonderen Ausnahmefällen kein Eingeständnis durch die Regierung…  

Das CPEOM (Trainingszentrum der Fallschirmjäger für Seeoperationen) mit Basis in Quélern in der Bretagne vereinigt die Kampfschwimmer (ehemalig stationiert in Aspretto in Korsika 2 A), aber auch die Mitglieder des CPIS, die spezialisiert sind für Aktionen zur See. Diese Einheit hat eine Stärke von um die hundert Kräfte, die erfahren sind in Aktionen auf dem Meer. Zehn Männer werden jedes Jahr neu aufgenommen, aber die Härte des Trainings überfordert manchmal die Kandidaten. Es ist schon vorgekommen, dass kein Anwärter die Anforderungen erfüllt hat…   

Das ist ein super geschützter Stützpunkt, sowohl zu Lande als auch zur See…

Auf Mission arbeiten die Mitglieder des Service Action hauptsächlich in Zivil, manchmal alleine oder in Zellen. Sie werden in der Regel manchmal mehrere Wochen oder Monate im Voraus positioniert, sei es bei Privat, einem Kontakt, einer Botschaft oder anders. Im Allgemeinen kennt der „Agent“ nur 2 Personen, diejenige, die ihm die Informationen gibt und diejenige, an die er sie weiterleitet. Die Seeleute des Kommandos Hubert sind auch Soldaten, die aber normalerweise in Uniform operieren in einer Kommandokette, die die Mission anhängig von den Ereignissen befehligt. Es gibt keine Kontakte oder Vertrauenspersonen vor Ort wie im Service Action, aber sie können ihre Informationen nutzen. Die Befehle kommen direkt aus Paris, dann wird alles in einer relativ kurzen Zeit untersucht und geplant und die genau festgelegten Details zur Anreise, sei es mit dem Flugzeug oder im U-Boot, abhängig von der Entfernung… In jedem Fall passend zur Mission (an Land) und dem Ort werden manchmal auch lange Haare, Bart und eine nicht ins gewöhnliche Schema passende Kleidung toleriert.

Einem  Gerücht zufolge sieht es so aus als ob die Männer von Hubert auf dem Balkan, in Afghanistan und in Zentralafrika aufgetaucht seien, obwohl es dort kein Meer gibt, gleichermaßen sollen sich die Kampfschwimmer des Service Action in der Ukraine, in Südamerika und in Neuseeland befunden haben (letzteres ist sicher wegen Greenpeace…)“

 

In einem kurzen Artikel der Ouest-France unter „Crozon“ habe ich am 8. August 2019 einem Beitrag zu einer Protestaktion für die Vernichtung von Atomwaffen Details zur Bewaffnung der Atom-U-Boote entnehmen können: „… Beständig ist eines der vier Atom-U-Boote im Alarmzustand auf See mit seinen 96 Atombomben, von denen jede zehnmal so stark ist wie die Atombombe von Hiroshima. Somit ist die Ȋle Longue der Standort in Europa, der die meisten Atomwaffen konzentriert…“

An dieser Stelle habe ich mich gefragt wie es möglich sein soll, 96 Raketen mit einem Atomsprengkopf in einem einzigen U-Boot unterzubringen. Im Museum La Cité de la Mer in Cherbourg konnte ich im Frühjahr 2009 das 1991 stillgelegte erste französische Atom-U-Boot „Le Redoutable“  besichtigen. Es wird ganz schön eng in dem 128,7 m langen und 10,6 m breiten U-Boot, da der gesamte Innenraum völlig zugestopft ist.

Im Atom-U-Boot „Le Redoutable“:

 

Bei meiner weiteren Recherche stieß ich dann in einem Online-Artikel vom 17. Januar 2005 auf eine sehr viel geringere Zahl von nur 16 Raketen (Quelle 6, liberation.fr):

(Übersetzung) „ … Hinter dem elektrischen Doppelzaun lassen Arbeiter den bretonischen Granit explodieren und füllen Millionen Kubikmeter Stahlbeton ein. In fünf Jahren werden die ersten Gebäude der Pyrotechnik in Guénvenez auf der Halbinsel von Crozon (Finistère) die künftigen M 51-Raketen aufnehmen… Ab 2010 werden die vier Raketen werfenden Atom-U-Boote (SNLE) eine neue Rakete, die M51, erhalten, deren Bestellung im November rausgegangen ist. Diese Rakete, die dazu geeignet ist aus einem U-Boot auf Tauchfahrt abgeschossen zu werden, hat eine Reichweite von mehr als 6000 Kilometern… Mehr als fünfzig Raketen werden bestellt, zu einem Preis von insgesamt 8 Milliarden Euro. Eine Summe, zu der man den (unbekannten) Preis der Atomsprengköpfe hinzufügen muss… Die ersten beiden Stufen der Raketen müssen zunächst in den neuen Gebäuden der Pyrotechnik von Guénvenez zusammengesetzt. Sie werden anschließend über die Straße 4 Kilometer zur Ȋle Longue  transportiert, wo sie mit der dritten Stufe versehen werden, also der Atomwaffe. Die 53 Tonnen schwere Rakete wird schließlich in die Rohre des U-Bootes hinab gelassen, das insgesamt sechzehn davon aufnimmt. „Das ist eine schwierige Arbeit, die einen Tag pro Rakete erfordert“, erklärt der Kommandant Heller. Das SNLE kann dann für eine Höchstdauer von 70 Tagen auf Patrouille fahren…“  

Zur Lösung des  Rätsels um die 96 Atombomben fand ich einen weiteren Online-Artikel vom 6. März 2012 (7, letelegramme.fr) mit einer amüsanten Überschrift „Crozon. Atomsprengköpfe und Veranda inkompatibel“:

 „ Diese Frau aus Crozon wird ihre Veranda nicht bauen: der Verteidigungsminister hat sich wegen des Risikos einer nuklearen Explosion gegen diese Erweiterung ausgesprochen und der Bürgermeister hat die Bauerlaubnis verweigern müssen…  Sie wohnt seit einem halben Jahrhundert zwischen Crozon und Carmaret in ihrem Haus im Dorf Saint-Drigent, das in 200 Metern Entfernung zum hyper-geschützten Militärgebiet von Guénvenez liegt. Es ist dort, in der Höhle dieser unterirdischen Pyrotechnik, ausgebaut unter dem Hügel, der die ganz nahe gelegene Insel Ȋle Longue  überragt, wo die Lagerung, Wartung und der Zusammenbau der Atomsprengköpfe der Raketen-werfenden U-Boote erfolgt. Daher kommt die Haltung des Ministers, der seine Ablehnung der Genehmigung begründet hat mit „den schwerwiegenden Risiken, denen Personen und Güter im Falle einer ungewollten Explosion der Einrichtung der Pyrotechnik ausgesetzt wären.“… Man zittert bei der Idee, was aus der Veranda und ihren Bewohnern im Falle einer Kernexplosion in 200 Metern von dort geworden wäre… Der Ort beherbergt tatsächlich um die sechzig Raketen einer bemerkenswerten Größe (12 Meter lang bei 2 Metern Durchmesser…), jede bedeckt mit einem Atomsprengkopf von 110 Kilotonnen, zusammengesetzt aus 6 bis 10 Gefechtsköpfen…

Die 96 Bomben erhält man folglich, wenn man die 16 Raketen multipliziert mit den 6 Gefechtsköpfen pro Mehrfachsprengkopf. Laut dem Artikel aus 2005 sollen die Atomsprengköpfe allerdings nicht in Guénvenez lagern. Ein Kommentator stellt dies auch gleich richtig: „Zu ihrer Orientierung, ich informiere sie, dass es keinen Kernbrennstoff am Standort Guénvenez gibt. Dieser Standort dient ausschließlich der Lagerung der Antriebsstufen der Rakete…“

Ich frage mich, ob die Interkontinentalraketen bei längeren Wartungsarbeiten im U-Boot bleiben oder aber jedes Mal wieder herausgenommen und zerlegt werden müssen. Ansonsten müsste die Zahl der in Guénvenez gelagerten Antriebsstufen ja stetig abnehmen. Vermutlich ist ein Rücktransport für Wartungsarbeiten regelmäßig erforderlich, auch wenn der Treibstoff über Jahre in der Rakete lagerfähig sein soll. Ein unnötiger regelmäßiger Hin-und Hertransportiert der Atomsprengköpfe wäre dabei in jedem Fall zu vermeiden. Die M51-Raketen sollen einen APCP-Feststoffantrieb besitzen. Der eingesetzte Treibstoff besteht aus einer Mischung von Ammoniumperchlorat und Aluminiumpulver, eingebunden in einen Butadienkautschuk (Polybutadien) als Binde- und Brennmittel.

Auf einer Regierungsseite des Departements Finistère (11) sind Pläne mit den Gefährdungsbereichen der Einrichtungen von Guénvenez öffentlich zugänglich. Bei der versehentlichen Verbrennung des Propergol-Treibstoffs im Rahmen eines Unfalls und einer hierbei zu erwartenden Explosion wären toxische Effekte, Überdruck-Effekte und Wärme-Effekte auf die nähere Umgebung zu erwarten. Auf verschiedenen Karten  sind die  Gefährdungsradien eingetragen. Jede Art von Neubau – wie auch der einer Veranda- ist in dem Isolationsbereich um die Anlage herum zu untersagen.

Ein Wanderweg führt an der Rückseite von Guénvenez vorbei.

Der Hügel von Guénvenez vom Wanderweg aus fotografiert

 

Guénvenez: Wachturm, Videoüberwachung (Lampen) und elektrischer Doppelzaun  

 

Der Eingangsbereich von Guénvenez an der Straße D 355 darf nicht fotografiert werden, obwohl sich die wichtigen Gebäude eher auf der Seite des Wanderweges befinden müssten. Den Karten kann man – im Falle des Aufenthalts auf dem Wanderweg bei einem Unfall in der Pyrotechnik – ein Risiko der Vergiftung entnehmen, jedoch keine erhebliche Gefährdung durch den Wärmefluss, den Überdruck oder durch Auswürfe. Vielleicht hängt das mit den oberirdischen Wartungshallen und den unterirdischen Lagerhallen zusammen. Von der Gefahr eines Austritts radioaktiver Strahlung liest man in den Präventionsplänen nichts.

Bleibt nur die Frage, wie es um die radioaktive Strahlung und die Sicherheit vor Freisetzung radioaktiver Stoffe bei der Ȋle Longue bestellt ist. Als Prävention vor gezielten Flugzeugabstürzen mögen Abfangjäger bereit stehen, außerdem werden die nuklearen Sprengköpfe wohl unterirdisch gelagert. Dass es bei der Wartung von Atomsprengköpfen zur Freisetzung größerer Mengen radioaktiver Stoffe kommen könnte, erscheint mir als sehr unwahrscheinlich. Sicherlich ist diese Gefahr bei einem Atomkraftwerk erheblich größer.

 

Ȋle Longue: Nuklear- und Pyrotechnische Einrichtungen  

 

Ȋle Longue: Marine-Einrichtungen

 

Vor der Ȋle Longue liegt – im Schatten dieser „Insel der  Abschreckung“ – passend die Ȋle des Morts (Insel der Toten), früher einmal Schießpulver-Lager, heute angeblich ungenutzt.

 

Ȋle des Morts (Insel der Toten), dahinter die Sicherheitszone der Ȋle Longue, fotografiert von Roscanvel aus   

 

Bislang hat die Abschreckung funktioniert und einen atomaren Erstschlag verhindert.

 

Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen  der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

Albert Einstein

 

Bucht von Douarnenez mit Blick auf die Halbinsel von Crozon

 

Es ist die Realität unserer Welt, dass Frieden, Freiheit und Bedrohung sich nie unabhängig voneinander aufrechterhalten lassen.

 

Quellen:

 

 

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