Die Aufstehen-Bewegung – wünsch dir was!

Im Jahrhunderthaus in Bochum fand am 14. November die erste große Aufstehen-Veranstaltung in NRW statt, mit Sahra Wagenknecht, Sevim Dagdelen und Gewerkschaftsvertretern. Frau Wagenknecht forderte in ihrer Rede leidenschaftlich dazu auf, politisch aktiv zu werden: „Sie müssen laut werden, weil nur dann können wir etwas ändern in diesem Land!“

Wer laut wird, hat drei Wünsche frei?

Sahra Wagenknecht: „Es ist kälter geworden, es ist aggressiver geworden, es ist viel mehr Hass und viel mehr Intoleranz, die wir alle erleben. Aber wenn man das beklagt, dann finde ich muss man auch die Frage stellen –  wo kommt das her? Und ich meine, wer das mit der Antwort verbindet, ja, da ist die AfD Schuld, der macht es sich zu einfach, und der verwechselt Ursache und  Wirkung.“

 

Um die tausend Menschen quetschten sich in die Halle mit nur ein paar hundert Sitzplätzen. Das mediale Interesse hielt sich in Grenzen. Die  Korrespondentin des Spiegels Nicola Abé hatte vom Pressetisch aus gelangweilt die Veranstaltung verfolgt, eine Nahost-Korrespondentin eingesetzt im sozialen Unfrieden, die einen Bekannten und mich nach dem Ende der Veranstaltung nach unseren Motiven fragte. Sie notierte sich einiges, geschrieben hat sie davon nichts. Dafür hat sie mich zum Ausgleich unter Nennung meines Vornamens zur Oberstudienrätin befördert und zutreffend behauptet, dass ich am Ende der Rede von Sarah Wagenknecht nicht sitzen geblieben sei, worauf auch – so ohne Sitzplatz.

Aus DER SPIEGEL Nr. 48 vom 24.11.2018 „Für das Volk“:

„Am Ende stehen die Menschen tatsächlich auf. Keiner bleibt sitzen, nicht die Jungs vom Motorradklub Kuhle Wampe, nicht die Oberstudienrätin Monika und nicht der Sozialarbeiter Jens. Sie alle jubeln Sahra Wagenknecht zu…“

Erst während der gesanglichen Abrundung durch die „Bots“ hatte ich an den leergeräumten Pressetischen eine Anlehnfläche finden können, erschöpft vom langen Stehen in der schlechten Luft. Und geklatscht habe ich durchaus, als Anerkennung für den authentisch wirkenden Auftritt, mit dem Frau Wagenknecht alle Linken zusammenbringen will, um so die Spaltung der Gesellschaft zu reduzieren. Das ist gut gemeint, kann aber nicht funktionieren. Der Spaltung der Linken können Abspaltungen nicht entgegen wirken, und der Riss durch die Bevölkerung wird verschärft durch die staatlich geförderte linke Mobilmache gegen Flüchtlingskritiker aller Couleur, die von den diversen Bündnissen gegen rechts mit starker SPD- und Grünen-Beteiligung gerne liebevoll als „braune Soße“ betitelt werden. Wen jeder, der die Gefahren der Masseneinwanderung und der offenen Grenzen als Problem thematisiert, zum Nazi diffamiert wird, kann das die Spaltung der Gesellschaft ganz gewiss nicht überwinden helfen. Die Unterstützer der Aufstehen-Bewegung scheinen sich in erster Linie aus den Bündnissen gegen rechts zu rekrutieren.  Weder die Umverteilung der Reichtümer noch die Bekämpfung der Fluchtursachen sind einfach zu verwirklichende Maßnahmen zur Schaffung einer besseren und lebenswerteren Welt für alle. Enteignung geht nicht friedlich, und für Geld kann nicht gekauft werden, was nicht in ausreichendem Umfang vorhanden ist wie Wohnraum, ausgebildete Lehrer, Erzieher, Altenpfleger oder Ärzte. Abgaben auf Spekulationsgewinne führen zur Abwanderung der Spekulierenden, ihres Kapitals und der damit verbundenen Steuereinnahmen – verlustfreie Siege sind selten. Wir sollen laut werden, fordert Sahra Wagenknecht.  Dieser Aufruf zur Mobilmachung  sollte ihr einziger Vorschlag zur Durchsetzung der formulierten Ziele und Wünsche bleiben. Selbst den Franzosen gelingt es mit ihren Blockadeaktionen und in Teilen sogar gewaltsamen Protesten mit zeitweise bis zu hunderttausend Teilnehmern im gesamten Land kaum, politische Veränderungen zu erzwingen, doch werden sie von den Regierungsvertretern und Sicherheitsbehörden zumindest ernst genommen und genießen einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung.

 

Die Erde gähnt, die Hölle brennt, die Teufel brüllen, Heilige beten, auf dass er schleunig werde weggerafft. Vernichte, lieber Gott, ich fleh dich an, den Pfandschein seines Lebens, dass ich noch dies Wort erleben mag: Der Hund ist tot!

William Shakespeare

 

Brot für die Welt – Teilen ist alles!

 

Sahra Wagenknecht hat die Flüchtlingspolitik durchaus schon aggressiver angegriffen. Wir könnten nicht die ganze Welt aufnehmen, und die Zuwanderung in solch einem Umfang schaffe Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu Lasten der Arbeitnehmer, soll sie sinngemäß gesagt haben. Dafür wurde sie innerhalb der Linken massiv angegriffen, wie auch für ihre aktuelle Kritik am Migrationspakt. Auf der Aufstehen-Veranstaltung in Bochum hat sie sich nur sehr vorsichtig zum Thema Migration geäußert, was wenig verwundert, wenn es gilt, die kostenlosen Helfer nicht unnötig zu provozieren:

„Natürlich müssen wir auch was zu Flucht und Migration sagen… Ja, wir sind Internationalisten, aber Internationalismus heißt vor allem diese Ursachen zu beseitigen, die die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben. Dafür müssen wir uns einsetzen, und nicht idealisieren, wenn sie da fliehen, was ja schlimm genug ist.“

Die Fluchtursachen werden erst dann verschwunden sein, wenn Deutschland sich in Bezug auf Gewalt, Unsicherheit, Armut, Mangel und Überbevölkerung den Zuständen in den Krisengebieten des Nahen Ostens und Zentralafrikas ausreichend angenähert hat. Wagenknecht kritisiert zwar das Abwerben von Fachkräften aus armen Ländern, spricht aber nicht an, dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit der Flüchtlinge eher nicht um gut ausgebildete sofort in den Arbeitsmarkt zu integrierende deutsch sprechende und unsere Kultur zumindest respektierende Fachkräfte handelt. Wagenknecht bezeichnet zurecht den UN-Migrationspakt als eine neue Art neokolonialer Ausbeutung, die den Herkunftsländern der Migranten, aber auch den  Arbeitnehmern in den Zielländern schade. Bereits die starke EU-Binnenmigration hat zu einer starken Absenkung des Lohnniveaus in Deutschland geführt. Eine Öffnung für Drittstaaten würde diesen Effekt aufgrund weiter steigender Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt noch deutlich verschärfen .

Das Aufstehen-Song von den „Bots“ spricht aus, wer von der Sammelbewegung „Aufstehen“ angesprochen werden soll.

Alle, die nicht schweigen, auch nicht, wenn sich Knüppel zeigen, solln aufstehn. Die zu ihrer Freiheit auch die Freiheit ihres Nachbarn brauchen, solln aufstehn. Alle für die Nehmen schön wie Geben ist und Geld verdienen nicht das ganze Leben ist… Wir träumen von ner Revolution hier, doch wer will schon, dass dabei Blut fließt. Wenn du dich da ganz mitbringst, mag sein, dass es gelingt, dich ganz und deinen Traum mitbringst…“

Sie wollen die friedliche Revolution gegen die Reichen und die böse AfD, also den Sozialismus 4.0:

„Linke aller Parteien und ohne Partei vereinigt euch im Kampf gegen Kriege, Ungerechtigkeit und Rechts, auf dass die Freiheit des anderen (Linken) wieder geachtet wird!“

Der Friede sei mit euch, und mit eurem Geiste!

Krieg ist Frieden, Meinungsfreiheit ist links…

Ich habe schon den Eindruck gewonnen, dass Sahra Wagenknecht gerne alle friedliebenden Harmonie-Menschen zusammenbringen würde, auch die verloren gegangenen Schäfchen von rechts. Solange jedoch der Kampf gegen rechts die Hauptbeschäftigung linker Revoluzzer bleibt sind jegliche Versuche der Wiedervereinigung aller Sozialisten, von den nationalen bis zu den linksextremen, zum Scheitern verurteilt. Erst wenn der Hass nicht nur verurteilt wird, wenn er von rechts kommt, wenn es keine Flüchtlings- oder Migranten-Intensivtäter-Boni der Justiz mehr gibt und wenn die Grenzen wieder geschlossen werden für Menschen ohne Ausweispapiere und Visa, die über sichere Drittstaaten einreisen, dann könnte die Basis geschaffen werden für eine alle politische Orientierungen umfassende ideologiefreie, andere Kulturen und den Islam nicht im Grundsatz ablehnende, Vernunft- und Realitätsbasierte  Diskussion und einen fairen aber den Selbstschutz nicht außer acht lassenden Umgang mit dem weltweiten Migrationsphänomen, in Verantwortung für die nachfolgenden Generationen.

Der Realist versucht, sich sein Bild von der Welt zu machen, während der Visionär versucht, die Welt zu seinem Bild zu machen.

Unbekannt

 

Visionen können helfen, die Gegenwart zu ertragen, in der Hoffnung, die Zukunft  verändern zu können.

In dem Spiegel-Beitrag über die Sammelbewegung Aufstehen wird die Veranstaltung in Bochum nur am Rande erwähnt. Auch die Erfolgsaussichten stehen nicht im Fokus der Betrachtung, dafür aber die Frage, ob Wagenknecht wegen ihrer Querschüsse von der Partei die Linke als Fraktionsvorsitzende im Bundestag abgesetzt wird. Ich habe den Eindruck, dass die neue Sammelbewegung von den staatsnahen Medien bewusst nur sanft hinterfragt wird, um den verzweifelten  Linken in unserem Land die Euphorie nicht zu rauben. Die Illusion einer friedlichen Revolution für soziale Gerechtigkeit könnte schließlich als Ventil für die Ausgebeuteten und Benachteiligten unserer Gesellschaft dienen,  um Ohnmacht und Wut zu kanalisieren und das Fass der sozialen Spannungen nicht zum Überlaufen zu bringen.

 

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Ein Gedanke zu “Die Aufstehen-Bewegung – wünsch dir was!

  1. Liebe Oberstudienrätin 😉

    Du schreibst:
    „Enteignung geht nicht friedlich“

    Die Verfasser unseres Grundgesetzes schreiben:

    (2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
    (3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. (…)

    GG Art. 14 –

    Grüße
    Andreas

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