Die belgischen „Killer von Brabant“ – Aufklärung von „Staatsterror“ im real existierenden Rechtsstaat

Eine nie aufgeklärte belgische Mordserie aus den 1980ger Jahren schaffte es kürzlich in die deutschen Medien. Ein verstorbener ehemaliger Elitepolizist soll auf seinem Sterbebett gestanden haben, einer der Killer von Brabant gewesen zu sein. Und auf welt.de  wird die neue Spur gleich erwartungsgemäß als Verschwörungstheorie verrissen, denn Polizisten morden nicht, weder in Deutschland noch in Belgien.

 

https://www.welt.de/vermischtes/article170058243/War-einer-der-Killer-von-Brabant-ein-Elite-Polizist.html

26.10.2017

… Mit 32 Jahren Verspätung könnte eine der blutigsten Gewaltserien der belgischen Nachkriegsgeschichte aufgeklärt werden, weil einen Sterbenden das Gewissen plagte. Schon machen neue Verschwörungstheorien die Runde….

War dieser „Riese“ tatsächlich Chris B., ein Waffennarr mit einem Faible für den Karneval und fürs Verkleiden? In der Tat gibt es zwischen damals entstandenen Phantombildern und Fotos des Mannes mit seinem schmalen Gesicht und der eckigen Brille auffällige Ähnlichkeiten…

Schon früh hatten in Belgien Verschwörungstheorien die Runde gemacht: Da halte jemand die Hand drüber und manipuliere Ermittlungsergebnisse, da bestünden sicher Verbindungen nach ganz oben, weil eine Art Terrorgruppe den Staat destabilisieren wolle, um rechte Kräfte ans Ruder zu bringen, hieß es…

Die neue Spur lässt derlei Gerüchte zumindest teilweise wieder aufflammen. Denn Chris B. war bis kurz vor Beginn der Raubserie Mitglied der Elite-Einsatzgruppe Diane, die in Belgien nach den Olympischen Spielen 1972 zur Terrorabwehr eingerichtet worden war. Allerdings war B. aus der Einheit geflogen, weil sich aus seiner Waffe bei einer Übung versehentlich ein Schuss gelöst hatte…

Schon früh hatten Ermittler beobachtet, dass die „Killer von Brabant“ mit erstaunlicher Präzision und Professionalität vorgingen, ganz wie Polizisten. Schon damals fiel immer mal wieder der Name der Diane-Einsatzgruppe, weil die Täter ähnlich vorgingen, wie es die Sonderkräfte trainiert hatten. Später, 1997, soll Chris B. gar als möglicher Verdächtiger von einem Zeugen benannt worden sein. Doch diesen Hinweis taten die Ermittler als unsinnig ab…

Doch der Justizminister Belgiens, Koen Geens, dämpfte die Hoffnungen bereits: Die Spur sei den Behörden schon im Februar zugetragen worden und zwar zweifellos „interessant“. Aber ein handfester Beweis für ihre Zuverlässigkeit habe sich noch nicht gefunden, sagte er vor einem eilig einberufenen Parlamentsausschuss. Schließlich habe es damals noch keine DNS-Spuren oder Handydaten gegeben…

 

Die zuvor im Jahr 2014 aufgewärmte WNP-Spur (Westland New Post)  hatte schon mehr Anhänger in den deutschen Medien gewinnen können, da hier die Täter einzig und allein im Neonazi-Milieu verortet wurden. Wenn man die Äußerungen des 2014 für kurze Zeit inhaftierten ehemaligen 2. Mann des WNP Michel Libert genauer hinterfragt, ergeben sich jedoch durchaus interessante Hinweise auf mögliche politische Verstrickungen, deren Anerkenntnis dem Ansehen des belgischen Staates bezüglich seiner demokratischen Geschichte durchaus schaden könnte.

 

https://www.derwesten.de/panorama/killer-von-brabant-neue-spuren-ins-neo-nazi-milieu-id9964705.html

Knut Pries

am 23.10.2014 um 18:25 Uhr

Vor etwa 30 Jahren erschütterte eine Gangster-Bande Belgien. Sie ermordete 28 Menschen. Die Täter seien im Neonazi-Milieu zu suchen, sagt jetzt eine Richterin. Sie hatten ein perfides Ziel: Die Killer wollten die Ohnmacht des Staates vorführen.

Brüssel.. Sie überfielen zwischen 1982 und 1985 Supermärkte, Geschäfte und Gasthöfe in kleinen Orten im Hinterland der Hauptstadt Brüssel und in Nordfrankreich. Sie verbargen das Gesicht hinter Karnevalsmasken und hielten Pump-Guns in den Händen…

Im Mittelpunkt steht erneut ein Mann, auf den die Ermittler schon in den 1980er-Jahren aufmerksam geworden waren. Michel Libert zählte zur Führung der im Untergrund operierenden Truppe namens „Westland New Post“ (WNP), einer Art belgischer Wehrsportgruppe, die sich aus Angehörigen der Streitkräfte und der Gendarmerie rekrutierte.

Angeblich war die WNP 1979 gegründet worden, um die US-Geheimdienste beim Kampf gegen den Kommunismus zu unterstützen. Anführer des braunen Haufens war ein gewisser Paul Latinus, genannt „der Kapitän“. 1984 beging er Selbstmord, Libert war seine Nummer zwei. Bisher nur als Zeuge gehört, wurde der Mann diese Woche erstmals in Polizei-Gewahrsam genommen und als Verdächtiger vernommen. Er soll eingeräumt haben, seinerzeit Einkaufszentren und Supermärkte ausgekundschaftet zu haben.

Das würde passen zu Einlassungen eines zweiten Ex-Aktivisten der WNP, der diese Woche im belgischen Fernsehen auftrat.

Eric Lammers alias „die Bestie, verurteilter Mörder zweier Antwerpener Diamanten-Händler und derzeit frei auf Bewährung, erzählte im Fernsehen, er habe persönlich mit der Killer-Bande nichts zu tun gehabt, seine WNP-Kameraden vermutlich aber sehr wohl.

„Wir haben mit der WNP Warenhäuser ausgespäht. Wir haben nachgeguckt, wie man die Läden am besten überfallen könnte. Das haben wir in Geschäften gemacht, wo nachher die Bande zugeschlagen hat, und in anderen.“

 

Michel Libert war bis ins Jahr 1984 führendes Mitglied des WNP, einer rechtsextremen belgischen Untergrundorganisation, die sich als nationale Kämpfer im kalten Krieg verstanden. Nach Aussage von Libert in einem Interview (Video s.u. zu einer Befragung vor einem Untersuchungsausschuss,  wohl als Folge der Aussagen Liberts in einer BBC-Doku von 1992) aus dem Anfang der 1990er Jahre hatte der WNP mit der Gendarmerie, dem Armee-Arm der Polizei, und hohen Militärs direkt zusammengearbeitet. Sie sollen über ein Codenamen-System Befehle erhalten haben, die dann ausgeführt wurden ohne zu wissen, wozu die Aktion letztendlich diente. Obwohl Libert bereits im Jahr 1992 in einer BBC-Dokumentation und vor dem Untersuchungsausschuss zugegeben hatte, dass seine Gruppe kurz vor Beginn der Brabant-Attentate Supermärkte ausspioniert und er die gesammelten Informationen weitergegeben habe, interessierte sich die belgische Justiz erst im Jahr 2014 für diese mögliche Verbindung zu den Brabant-Überfällen, und das auch nur wegen der Aussage des Ex-WNP-Kameraden im belgischen Fernsehen. Libert wurde 2014 erstmals als Beschuldigter festgenommen, wegen fehlender Beweise aber schnell wieder freigelassen.

 

tueries du brabant interpellation de michel libert ex dirigeant de lorganisation wnp

Interpellation de Michel Libert en octobre 2014

 

Wie erst im März 2017 in einer Fernsehsendung von RTL Info thematisiert, soll Libert zwischen 1982 und 1983 zwei Pumpguns (Riot gun) gekauft haben, also zu Beginn der ersten Mordserie. Libert war bereits 1987 oder 1988 hierzu als Zeuge befragt worden.

 

LES ARMES OUBLIÉES DES TUERIES DU BRABANT WALLON + LE POINT SUR L’ENQUÊTE PAR LE PROCUREUR GÉNÉRAL CHRISTIAN DE VALKENEER. RTL-TVI JT 19h JEUDI 16 MARS 2017

 

Eine Quelle nahe an den Ermittlungen zu den Brabant-Morden äußerte sich in der Sendung von  März 2017 verwundert darüber, dass die zwei Waffen des potentiell Tatverdächtigen Michel Libert trotz identischer Merkmale mit den Tatwaffen nicht von der Polizei beschlagnahmt und untersucht wurden. Damals behauptete Libert, eine der Waffen noch zu besitzen, die andere aber verkauft zu haben. Später sollen die beiden Riotgun dann im Rahmen einer anderen Akte beschlagnahmt und Anfang 2000 ohne Untersuchung zerstört worden sein.

 

Screenshot 

 

Übersetzung der schriftlichen Stellungnahme des belgischen Beamten (auf Französisch Minute 2‘10):

„Ich ziehe es vor zu sagen, dass es sich um einen Fehler handelt. Zu behaupten, es handele sich um eine Manipulation, würde der Verschwörungsthese Nahrung geben. Diese hat dem Fall nur 30 Jahre lang geschadet. Nichts ist dazu geeignet, eine Manipulationstheorie zu erhärten.“

 

Diese Aussage macht die Sichtweise der Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden deutlich – eine Einstellung, die Aufklärung dauerhaft zu verhindern vermag.

In der bereits erwähnten Befragung von Libert vor dem Untersuchungsausschuss, die wohl 1992 stattgefunden haben muss,

 

Interview (Befragung vor einem Untersuchungsausschuss 1992 (?),  wohl als Folge der Aussagen Liberts in einer BBC-Doku von 1992)

 

zeigte Libert (min 4-5) ein Papier mit 50 Namen, das er bereits am 12. Februar 1985 auf Anforderung an eine Richterin geschickt haben will:

 

Er beschuldigte in der Befragung niemanden, aber er betonte, dass keine kleinen Lichter darunter seien, sondern Persönlichkeiten aus der Politik, der Finanzwelt und der Wirtschaft, die häufiger im Rahmen verschiedener Missionen des WNP eingegriffen hätten. Es sei ihm nicht klar, ob es sich jeweils um Auftraggeber oder Kontaktleute gehandelt habe, aber der WNP habe, ohne es zu wissen, in den Diensten von hochstehenden Leuten aus der Politik und der Finanzwelt gestanden. Seit 7 Jahren sei nun diese Liste bekannt, und es sei nichts unternommen worden um herauszufinden, was diese Personen jeweils mit dem WNP verbunden habe.

Auf den Vorhalt eines Mitglieds der Kommission (Roger Lallemand, Sozialist, Senator von 1979 bis 1999, belgischer Staatsminister), Libert habe in einer öffentlichen Sendung (BBC 1992 ?)  zugegeben, Supermärkte ausspioniert zu haben, in denen es später Tote gegeben habe, und warum ihm das nicht aufgefallen sei, antwortet Libert (min 10-11) folgendes:

„Warum sagen sie, dass mir das nicht aufgefallen ist, da ja die Gendarmerie um meine Mithilfe gebeten hat in den Fällen vom Brabant-Wallon. Und ich habe gesagt, ja, ich werde mit ihnen zusammen arbeiten. Aber jedes Mal, wenn es eine Akte gibt, die geschlossen ist und Fortschritte macht, versetzt man die Leute, die die Akte bearbeitet haben, und man fängt von vorne an. Man versetzt den Chef der Ermittlungsgruppe, man versetzt den Untersuchungsrichter, sobald er ein bisschen zu weit voran kommt. Man hat einen zweiten, der bei Null anfängt.“

Bei dem Baron Benoît de Bonvoisin, der auf dem „Organigramm“ von Libert zu finden ist, war im Jahr 1990 eine Hausdurchsuchung durchgeführt worden. Man hatte eine Liste mit 8 Namen von Gendarmen der „Gruppe G“ (Groupe G) sowie einen ersten Entwurf zu einer Strategie der Spannung gefunden. Dieses Papier soll blinde Attacken auf belgische Supermärkte vorausgesehen haben. In einer RTL(Frankreich)-Sendung aus 2010 wurde (Minute 33-35) ein Auszug aus dem RTL-Archiv aus der Tagesschau vom 7. Juni 1990 vorgespielt.

http://media.rtl.fr/online/sound/2010/1028/7632963875_l-heure-du-crime-du-28-oct-2010.mp3

Es wird gesagt, die Mörder von Brabant seien ohne Zweifel mehr Terroristen als Verrückte und die Kommandos seien vielleicht Instrumente einer politischen Verschwörung gewesen. Der Geschäftsmann Bonvoisin soll die belgischen Rechtsextremen finanziert haben. Seit 2 Jahren habe man angenommen, dass eine faschistische Gruppe, die in Kontakt mit der „Front de la Jeunesse“ stehe,  die königliche Gendarmerie infiltriert habe. Bislang sei jedoch keine Verbindung zu den Brabant-Morden festzustellen gewesen.

Die rechtsextreme Organisation „Front de la Jeunesse“ ist 1974 gegründet und 1981 aufgrund des Gesetzes zum Verbot privater Bürgerwehren aufgelöst worden.  Einige der Mitglieder haben sich in Folge der Auflösung dem 1979 gegründeten WNP angeschlossen.

Die Ermittlungen in diese Richtungen haben nicht zu den Killern von Brabant geführt, obwohl es bereits zuvor Hinweise auf eine Verstrickung von Polizeieinheiten der Gendarmerie in die brutale Mordserie gegeben hat.

Der ehemalige Gendarm der Antiterroreinheit „Diane“ Martial Lekeu, 1984 mit seiner Familie in die USA geflohen, will bereits im Jahr 1983, nach der ersten Anschlagswelle der Killer von Brabant, auf die geheimen Aktionspläne der Gruppe G hingewiesen haben. Lekeu, damals selbst überzeugter Neonazi, hatte sich Ende der 1970er Jahre dieser geheimen Parallelorganisation innerhalb der Gendarmerie angeschlossen. Mindestens 60 Gendarmen sollen in die Unterwanderung der Polizei verstrickt gewesen sein. Lekeu will von Didier Mievis rekrutiert worden sein, einem Mitarbeiter des zentralen Auskunftsbüros der BSR (Brigade de Surveillance et de Recherche, Brigade der Überwachung und der Ermittlungen, Teil der belgischen Gendarmerie, dem militärisch strukturierten Teil der Polizei).

In dem Buch von Adrien Masset, L’enquête criminelle sur les „tueurs du Brabant“, Leuven University Press, 1997, findet man unter anderem folgende interessante Passagen (Übersetzung):

https://books.google.de/books?isbn=9061868521

S. 51

Dieser Bericht gibt genau an, dass die Kontakte und Treffen im Oktober 1976 stattgefunden haben zwischen den Gendarmen Lekeu, Mievis, Maquet, Galetta, Ponchelet und dem Mitglied der Front de la Jeunesse Francis Dossogne…

Anhörung der Mitglieder der Gruppe G:

Didier Mievis: dieser Gendarm ist auf seinen Wunsch in den Distrikt von Nivelles versetzt worden, wo er Sekretär des Kapitäns Duterne geworden ist, dem Offizier, der zu diesem Zeitpunkt die Ermittlungen zu den Brabant-Morden leitete. Mievis ist von den Ermittlungen anschließend ausgeschlossen worden, sobald seine Zugehörigkeit zur Gruppe G bekannt geworden ist…

S. 52 (Erkenntnisse aus dem Telefongespräch zwischen Lekeu vom 8. März 1989 mit dem Untersuchungsrichter Troch)

Lekeu behauptet, dass Bouhouche und Beijer zur Gruppe G gehörten; er stellt klar, dass er nichts mehr von der Gruppe G gehört hat seit seinem Ausscheiden aus dem BSR von Brüssel 1979… 

 

Eine Beweismittelmanipulation und eine Einflussnahme auf die Ermittlungen zu der  Mordserie von Brabant durch ehemalige Mitglieder der geheimen Polizei-Gruppe G erscheinen somit als nicht ausgeschlossen.

 

 

Zu der Aussage von Lekeu findet man Details in folgendem Artikel:

 

http://www.lesoir.be/archive/recup/entretien-avec-l-ex-gendarme-lekeu-les-plans-de-destabi_t-19921123-Z062PM.html

Mis en ligne le 23/11/1992 à 00:00

René Haquin

Übersetzung (Ausschnitte):

“Ich habe einige Geschichten erzählt. Aber ich bleibe dabei, im Jahr 1976 einen Aktionsplan gesehen zu haben, der Übereinstimmungen mit dem Blutbad von Brabant zeigt. Heute habe ich immer noch Angst.“

Martial Lekeu, 46 Jahre, ist dieser ehemalige Gendarm, der 1974 zur Antiterroreinheit „Diane“ versetzt wurde, von 1975 bis 1977 der BSR (Brigade de Surveillance et de Recherche) von Brüssel zugewiesen war, dann der Brigade in Vaux-sur-Sûre, bis zum April 1984, als er aus dem Dienst ausschied. „Ende 1983 haben die ersten Morde Erinnerungen an die Aktionspläne wachgerufen, die man mir um 1976 in der Gruppe G gezeigt hatte. Ich habe die BSR von Wavre benachrichtigt. Man hat mir gesagt, dass man bereits davon wüsste und ermitteln würde. Dann haben die Drohanrufe angefangen, an mich und meine Kinder. Sie stammten von Gendarmen“…  

Wir waren um die zwölf Gendarmen in der Gruppe G… Als ich diese Fanatiker gesehen habe, habe ich an die BRS Bericht erstattet, danach an den Kolonel des Generalstabs, der dann alles gestoppt hat. Aber ich habe sie weiter getroffen, trotz der Weisung, sie zu verlassen. Ich habe nicht mehr die Gendarmerie davon in Kenntnis gesetzt, sondern andere, Amerikaner. Zwischen 1975 und 1976 habe ich den Koordinator der Gruppe G, Unteroffizier Mievis, an Dossogne Dossiers des Generalstabs weiterreichen sehen, darunter ein politisches. Ganz klar handelte es sich dabei um Aktionspläne, Banden für blutige Überfälle aufzubauen, linksextreme Gruppen für politische Attentate auszubilden. Es war sehr wohl die Rede von Supermärkten, von Blutbädern getarnt als Überfälle. Genauso ging es darum Waffen und Schutzausrüstung an Verbrecher zu liefern, ohne dass diese erfahren, woher das kommt. Ziel: ein Klima der Destabilisierung zu schaffen um die Staatsmacht und die Sicherheitskräfte zu stärken. Bezüglich der Meldungen, die 1976 an die BSR gemacht wurden, hat Lekeu nicht gelogen. Das wurde in die damalige Personalakte aufgenommen. Aber es geht dort nicht um einen Aktionsplan.

Der ehemalige Chef der „Front“, Francis Dossogne, behauptet:

Mievis hat mir nur Fernschreiben über den internationalen Terrorismus weitergereicht. Kein Dossier des Generalstabs. Nicht einmal die BSR-Akten, die uns betrafen. Als Lekeu mir gesagt hat, dass er zum Generalstab gegangen ist, habe ich Mievis geschrieben und wir haben die Gruppe G aufgelöst. Die Ermittler haben meinen Brief…

Kein Angriffsprojekt, aber es war durchaus die Rede davon, eine Gruppe innerhalb der bewaffneten Kräfte aufzubauen um den Staat zu stärken, eine Art blauer Orden, sagt uns ein ehemaliges Mitglied der Gruppe M (Militär).

Die Berichte der BSR von 1976, die direkt an die Kommandozentrale der Gendarmerie weitergegeben wurden, sind später nur verändert worden. Nichts anderes.

Heute sagen sogar gewisse Ermittler, dass die Originalliste der Mitglieder der Gruppe G (beschlagnahmt  Anfang 1990) nicht mit der der Gendarmerie übereinstimmt: hier seien einige Namen ausradiert, andere hinzugefügt worden, darunter Bouhouche (Affäre Mendez)

 

Bei der Originalliste muss es sich wohl um die Liste mit den Namen der 8 Gendarmen handeln, die 1990 bei der Hausdurchsuchung des Baron Benoît de Bonvoisin gefunden worden ist.

Es ist denkbar, dass die Akte von Lekeu gesäubert wurde. Oder er hat die rechtsextreme Verschwörung doch frei erfunden. Wem und was soll man da glauben? Die ganze Geschichte ist völlig verworren. Rechtsextreme in den Reihen der Polizei könnten die Mörder von Brabant gewesen sein, mit dem Ziel, Belgien zu destabilisieren und dem rechten Parteiflügel CEPIC der sozial-christlichen Partei (PSC) zum Sieg zu verhelfen, dessen Präsident Paul Vanden Boeynants den Verteidigungsminister und zwei Mal den Premierminister Belgiens gestellt hat, angeblich finanziell unterstützt durch Bonvoisin. Das konnte man bereits 1990 im Buch des Journalisten Hugo Gijsels nachlesen.

 

http://tueriesdubrabant.winnerbb.com/t304p75-martial-lekeu

Hugo Gijsels , L’enquête: 20 années de déstabilisation en Belgique. Paris, France; Bruxelles, Belgium: La Longue Vue, 1990.

Auszüge aus den S. 181-186 in Übersetzung aus dem Französischen:

S.181-183

… Nach Lekeu wurde die Gruppe G von außen von Francis Dossogne und Paul Latinus geleitet, den Chefs des „Front de la Jeunesse“. Wie es inzwischen ausreichend aufgezeigt wurde, steht der „Front de la Jeunesse“ auf der Bezahlliste des Baron de Bonvoisin, der wiederum ein politisches Faktotum von Paul Vanden Boeynants ist…

Lekeu lässt keine Zweifel über die politische Orientierung des Clubs aufkommen: „ … als ich in die Gendarmerie eingetreten bin, war ich ein überzeugter Faschist. Ich habe Leute der Gruppe Diane kennengelernt, die dieselben Ansichten hatten wie ich. Wir hatten die Angewohnheit uns den Nazi-Gruß zu zeigen. Jedes Mal, wenn wir die Hacken zusammenschlugen, in der Kantine oder auf den Gängen der Örtlichkeit des BSR mit Sitz in Louvain, hörten wir andere dasselbe tun. Das war ein Zeichen der Verbrüderung…

Nach Lekeu haben die Gruppe G und die Gruppe M ab 1975 einen Plan für einen Staatsstreich entwickelt. Dieser Putsch sollte der Höhepunkt der Serie von Terroranschlägen sein, welche das „Centre politique des indépendants et cadres chrétiens“(CEPIC, 1972-1982), den rechten Flügel der PSC (Parti social-chrétien), an die Macht bringen sollten. Zu dieser Zeit war Paul Vanden Boeynants Verteidigungsminister und Präsident der CEPIC…

S. 186

Martial Lekeu war ein Ehemaliger des Escadron Spécial d’Intervention die Gruppe Diane – und der zumindest umstrittenen Rauchgiftabteilung des BSR in Brüssel. In diesem Rahmen stand Lekeu in engem Kontakt mit dem BND des Kommandanten François und mit Madani Bouhouche und Bob Beijer, die man bei den Ermittlungen zu dem Mord von Juan Mendez wieder findet, den Killern von Brabant und dem Waffendiebstahl in der Kaserne der Gruppe Diane. Übrigens war Lekeu ein Freund vom Kommandanten François.

Lekeu hatte andere Enthüllungen: so sei der Diebstahl – niemals aufgeklärt – von 15 Heckler und Koch, der sich in der Nacht vom 31. Dezember 1981 in der Kaserne der Gruppe Diane ereignet hat, das Werk der Gruppe G. Dieser Einbruch soll bis ins kleinste Detail vorbereitet gewesen sein. Nach den Angaben von Lekeu soll die Gruppe unter dem Deckmantel einer Übung in die Kaserne eingedrungen sein, einige Autos des BSR genommen haben, nach Charleroi gefahren und zur Kaserne zurückgekehrt sein um die Fahrzeuge zurückzubringen, alles ohne entdeckt zu werden…

 

Sollten diese Behauptungen der Wahrheit entsprechen, dann hätte die Gruppe G auch zum Zeitpunkt der Mordserie von Brabant noch existiert, mit Mitgliedern aus den Reihen der Gruppe Diane.

Zum Zeitpunkt der Brabant-Morde von 1982 bis 1985 hatte Paul Vanden Boeynants seine Ämter bereits niedergelegt.

Die Brabant-Killer könnten auch als Selbstläufer auf eigene Rechnung gehandelt haben. Ein Nachfolger von Vanden Boeynants könnte den Plan umgesetzt haben. Es gibt viele denkbare Möglichkeiten, Beweise gibt es keine.

 

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Vanden_Boeynants

Paul Emile François Henri Vanden Boeynants  (* 22. Mai 1919 in Forest/VorstBelgien; † 9. Januar 2001 in Brüssel) war ein belgischer Politiker. Er war für zwei kurze Amtszeiten Premierminister Belgiens.

Vanden Boeynants (von Journalisten immer nur VDB genannt) wurde am 22. Mai 1919 in Brüssel (Stadtteil Forest), in Belgien geboren. Er arbeitete zunächst in der Fleischindustrie und wurde 1949 ein Abgeordneter der Parti Social Chrétien (PSC) in der Abgeordnetenkammer, welche er sogar von 1961 bis 1966 anführte. Am 19. März 1966 wurde er Premierminister Belgiens, was er bis zum 17. Juni 1968 blieb. Im Jahr 1972 wurde er belgischer Verteidigungsminister und am 20. Oktober 1978 erneut Premierminister, beide Ämter legte er 1979 ab.

 

https://brf.be/national/699556/

15.1.2014 

 

…Genau einen Monat zuvor war Paul Vanden Boeynants vor seiner Wohnung von Unbekannten überwältigt und entführt worden… Der Ur-Brüsseler, der sehr leicht an seinem Akzent als Hauptstädter identifiziert werden konnte, war – vor Elio Di Rupo – der letzte frankophone Premierminister. Zwei Mal war er Regierungschef, einmal Mitte der 1960er Jahre und dann nochmal Ende der 1970er Jahre, für sieben Monate zwischen 1978 und 1979.

Bekannt wurde VDB aber vor allem wegen der vielen Skandale und Affären, die man – zu Recht oder zu Unrecht – mit seinem Namenskürzel verband. Verurteilt wurde er ein Mal, Mitte der 1980er wegen Steuerhinterziehung. Sein Name wurde aber auch im Zusammenhang mit geheimen, anti-kommunistischen Netzwerken, mit heimlichen Sex-Orgien, den sogenannten „Rosa Ballette“ und sogar mit den Killern von Brabant in Verbindung gebracht…

 

Die „Groupe G“ könnte bereits im Jahr 1976 aufgelöst worden sein, glaubt man den Angaben von Dossogne. Die Namen der Mitglieder wären dann zu diesem Zeitpunkt bereits der Führung der Gendarmerie bekannt gewesen. Doch erst im Jahr 1990, nach dem Auffinden der Liste bei Bonvoisin, starteten offizielle Ermittlungen gegen die Mitglieder der Gruppe G. Als die Mordserie von Brabant im Jahr 1982 begann, war die Gruppe G dann aber angeblich nicht mehr aktiv, so dass ein Zusammenhang mit den Überfällen ausgeschlossen werden dürfte. Es sieht danach aus, als ob die Ermittlungen von Sympathisanten und Beteiligten der Terroranschläge von Brabant manipuliert worden sind. Außerdem scheint die neue Gruppe G weitere (ehemalige) Mitglieder aus der ESI (Escadron Spécial d’Intervention ), bis 1974 Brigade Diane genannt, aufgenommen zu haben, darunter den  Polizisten Christian Bonkoffsky. Diese Theorie wird unterstützt durch die jetzt veröffentlichte Behauptung des Bruders des vor zwei Jahren verstorbenen ehemaligen Polizisten der belgischen Antiterror-Einheit. Bonkoffsky soll auf seinem Sterbebett vor zwei Jahren gestanden haben, einer der Mörder von Brabant gewesen zu sein. Die Ermittler haben bereits seine Krankenakte studiert und dabei festgestellt, dass Bonkoffsky  tatsächlich bei jedem der Überfälle der 2. Anschlagswelle 1985 abwesend war, also nicht bei seiner Einheit Dienst tat. Die Brigade Diane hatte Bonkoffsky bereits zu Beginn der 1980ger Jahre verlassen müssen. Das bedeutet jedoch nicht, dass er den Kontakt zu den Kämpfern der Spezialeinheit abgebrochen haben muss. Eine Beteiligung von Teilen der Antiterror-Eliteeinheit ESI an der Mordserie erscheint wahrscheinlich. Nach den Angaben von Lekeu sollen sich in der Gruppe ja genügend überzeugte Neonazis befunden haben.

 

Tueurs du Brabant Christian Bonkoffsky 23 octobre 2017

 

Die Supermärkte ließ man wohlmöglich durch den WNP ausspionieren, um anschließend den Verdacht auf die zivilen Mitglieder der rechtsextremen Gruppierung lenken zu können.

Sollte tatsächlich Paul Vanden Boeynants in die Attentate von Brabant verwickelt gewesen sein, immerhin zweimal  kurzzeitig Premierminister Belgiens, so könnte man nachvollziehen, warum bei der Mordserie von Brabant in 30 Jahren nichts beweiskräftig aufgeklärt werden dürfte. Es geht schließlich um die Illusion des Ansehens von Belgien und um den Erhalt des längst zerstörten Vertrauens in die belgischen Sicherheitsbehörden und die Regierung.

Als Brabant-Killer kam Libert wohl nicht wirklich in Frage, weswegen man erst gar nicht versuchte, seine Waffen mit den Morden in Verbindung zu bringen. Vielleicht wurde auch befürchtet, dass der Weitergabe-Weg der Riotguns zu den eigentlichen Tätern der Elite-Polizeieinheit hätte führen können. Die Waffen wurden wohlmöglich vernichtet, weil man befürchtete, dass unter Umständen doch noch DNA-Spuren der Täter hätten gesichert werden können.

Wie die Fernsehsendung von März 2017 zeigt, bediente sich die belgische Presse aber bis vor kurzem noch dieses Pseudoverdächtigen aus dem rechtsextremen Milieu, um die Richtung der seit mehr als 30 Jahren erfolglosen Ermittlungen nicht zu gefährden.

Wie weit wird die Aufklärung im Fall der Morde von Brabant wohl gehen?

Der verstorbene ehemalige Polizist der Elite-Einheit könnte, falls sich wider Erwarten noch  Beweise finden lassen, postum als Täter „verurteilt“ werden. Seine Mittäter wird man trotz gewaltiger Bemühungen nicht ausfindig machen. Und die Drahtzieher werden niemals zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen wird dafür gesorgt, dass jeder Hinweis auf die Verantwortlichkeit staatlicher Stellen binnen kurzem als wildes Hirngespinst abgedrehter Verschwörungstheoretiker eingeordnet wird.

Der real existierende Rechtsstaat ist  nie weit entfernt von belgischen Verhältnissen. Eine Aufklärung von Staatsunrecht wird von jedem Staat wirksam zu verhindern versucht, Vertuschung ist oberste universelle Staatsraison.

 

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2 Gedanken zu “Die belgischen „Killer von Brabant“ – Aufklärung von „Staatsterror“ im real existierenden Rechtsstaat

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