Das Zivilrecht als Glaubensfrage

Satire:

Interview mit der Pädagogin Frau Herrscher über die Erziehung zur angemessenen Kritikfähigkeit an Schulen

Die Zeitschrift „Das neue Bildungsforum“ hat mit der für besondere Kreativität in Sachen schulischer Erziehung ausgezeichneten Studienrätin Frau Herrscher gesprochen.

NEUES BILDUNGSFORUM: Sie haben als erste Lehrerin einer weiterführenden Schule die pädagogische Geschlossenheit nicht nur im Umgang mit Schüler-Fehlverhalten sondern  auch im Umgang mit Kollegen-Fehlverhalten gefordert. In welcher Weise lassen sich Lehrerinnen und Lehrer in Analogie zu pubertierenden Schülern betrachten?

Frau Herrscher: Sehen sie, es gibt da Kompetenz- und Entscheidungsstrukturen an Schulen, die nur harmonisch funktionieren können, wenn die Entscheidungsträger in ihrer Vorgehensweise nicht in Frage gestellt werden. So wie Schüler die Weisungen von Lehrern befolgen müssen, haben Kollegen die Entscheidungen der weisungs- oder entscheidungsbefugten Leistungsträger im Kollegium zu respektieren, unabhängig von persönlich empfundenen Benachteiligungen. Die im Beamtenrecht verankerte Wohlverhaltenspflicht untersagt Kollegen im Umgang miteinander die Äußerung von kontroversen Meinungen in einem unangemessenen Umgangston. Da auch innerhalb von Kollegien Streitigkeiten verbal eskalieren können, muss konsequent gegen die Störer vorgegangen werden. Aus Loyalitätsgründen verbieten sich Strafanzeigen. Ich rate jedem Kollegen, eine gute Rechtsschutzversicherung abzuschließen. Diese übernimmt im Falle verbaler Attacken die Verfahrenskosten, so dass das persönliche finanzielle Risiko gleich null ist. In den meisten Fällen genügt eine anwaltliche Abmahnung, um jegliche zukünftigen Verstöße des Kollegen oder der Kollegin gegen die Wohlverhaltenspflicht für das gesamte gemeinsame Arbeitsleben verhindern oder zum eigenen finanziellen Vorteil sanktionieren zu können. So lassen sich Kollegen nachdrücklich zu einem höflicheren Sprachgebrauch erziehen. Ausdrücke wie „widerwärtig“, „niederträchtig“ oder „hysterisch“ in Verbindung mit der Beschreibung von Kollegenverhalten gehören nicht in den Wortschatz einer demokratisch legitimierten Schule. Ein falsches Wort kann im schlimmsten Fall sogar zu Mord und Totschlag führen. Sie kennen den Film von Monty Python „Das Leben des Brian“?

 

NEUES BILDUNGSFORUM: Dort sagt der römische „Offizier“ bei der Steinigung unbedacht „Jehova“ und wird selbst zum Opfer der außerhalb jeglicher Impulskontrolle geworfenen Steine.

Frau Herrscher: Die Erziehung zur Kritikfähigkeit beginnt mit der Durchsetzung einer angemessenen Wortwahl. Wegen der Vorbildfunktion der Lehrkräfte muss zunächst innerhalb der Lehrerschaft selbst nachhaltig gemaßregelt werden. Eine verbale Steinigung von Entscheidungsträgern könnte eine Lawine von verbalisierter Gewalt innerhalb der Schülerschaft in Gang setzen.

NEUES BILDUNGSFORUM: Wie vermitteln die Pädagogen den Schülern den respektvollen Umgang in einer gelebten Demokratie?

Frau Herrscher: Im Rahmen der pädagogischen Geschlossenheit muss unangemessener Kritik bei Schülern mit einheitlicher Härte begegnet  werden. Wenn Schüler ungerechte Noten oder schlechten Unterricht in Gegenwart von Mitschülern oder Lehrern aggressiv kritisieren, so müssen auch hier die juristischen Möglichkeiten der Abmahnung und Unterlassungsklage ausgeschöpft werden. Drohungen verbieten sich, stringentes Handeln ist angesagt. Berechtigte Kritik ist in einer funktionierenden Demokratie eine Frage von Mehrheitsentscheidungen. Wenn die Mehrheit der Dienstvorgesetzten einer kritisierten Lehrkraft die Ansichten der Schüler teilt, dann kann die Kritik als mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zulässig eingestuft werden.

NEUES BILDUNGSFORUM: Sind sie bereits zivilrechtlich gegen Schüler vorgegangen?

Frau Herrscher: Wie ich bereits betont habe, liegt der Handlungsschwerpunkt unserer Schule bei der Umsetzung der Lehrer-Vorbildfunktion. Das Konzept unserer Schule basiert auf dem Abschreckungsprinzip. Wenn unserer Schülerschaft vorgeführt wird, dass Lehrer wegen unangemessener Kritik an Vorgängen in der Schule nachhaltig zum Schweigen erzogen werden, so ist eine Klageerhebung gegen Schüler in der Regel nicht mehr erforderlich. Wir erzeugen ein Klima des tiefgreifenden Respekts vor Ordnungsstrukturen.

NEUES BILDUNGSFORUM: Sie haben das Nachhaltigkeitsprinzip angesprochen. Während das Vorsorgeprinzip bei der Genehmigung von Medikamenten, Unkrautvernichtungsmitteln und Lebensmittelzusätzen in Europa zunehmend ausgehebelt wird, beobachten wir an deutschen Schulen einen nachhaltigen Ausbau der Sicherheitsstruktur. Sie selbst haben durch das vorbildliche Praktizieren ihres Konzepts „Sicherheit durch Entsorgung“ entscheidend dazu beigetragen.

Frau Herrscher: Ja. Gefahrstoffe an Schulen sind eine ständige Gefahr. Nachhaltige Sicherheit bedeutet, Gefahren erst gar nicht entstehen zu lassen. Einem Umgangsrecht mit Gefahrstoffen oder gefährlichen Versuchsaufbauten im Chemie- oder Physikunterricht muss stets eine Gefährdungsbeurteilung mit Ersatzstoffprüfung vorausgehen. Sehen wir es doch realistisch: welches Experiment ist so aussagekräftig, als dass es sich nicht durch den Einsatz von Zucker, Salz oder Haushaltsessig substituieren lässt. Auch im Physikunterricht steht die Gefährdungsbeurteilung im Mittelpunkt des Vorsorgeprinzips. Die Verbrennungsgefahr durch heiße Lampen, die Umsturz-Gefahr bei Stativ-Konstruktionen, die Überschwemmungsgefahr durch Wellenwannen oder die Stromschlag-Gefahr bei der Verwendung nicht isolierter Drähte– all diese Gefahren müssen vorausschauend durchdacht und  umfangreich protokolliert werden. Besonders bei der Durchsetzung des Entsorgungsprinzips kommt erneut der Erziehung zur angemessenen Kritikfähigkeit eine besondere Rolle zu. Der allgemeine Konsens im Kollegium muss als letztes Mittel der Wahl auch zivilrechtlich durchgesetzt werden. Harmonie kann nicht ohne Zwang funktionieren.

NEUES BILDUNGSFORUM: Sie sind unter anderem dafür ausgezeichnet worden, rechtsstaatliche Prinzipien in die Schule eingeführt zu haben.

Frau Herrscher: So ist es. Das Zivilrecht ist die Basis jeglicher fundierter christlicher Erziehung.

NEUES BILDUNGSFORUM: Wie müssen wir das verstehen?

Frau Herrscher: Im Zivilrecht steht der Glauben im Mittelpunkt. Statt im „Zweifel für den Angeklagten“ gilt hier „im Zweifel für den Kläger“. Der geschädigte Kläger steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Der Glaube ist eine Frage von Überzeugungen. Eine Verleumdung und Verunglimpfung lässt sich spüren, ohne dass sie bewiesen werden muss.

 

„Ich, das Gesetz, entscheide, was die Wahrheit ist!“

 

NEUES BILDUNGSFORUM: Wir bedanken uns für das Interview und wünschen ihnen  viel Erfolg bei der Verbreitung ihres neuen Labels  „Schule ohne Kritik“.

 

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5 Gedanken zu “Das Zivilrecht als Glaubensfrage

  1. Als Sicherheisingnieur mit jahrzehntelanger Erfahrung mit Gefährdungsbeurteilungen und Ersatzstoffprüfungen und als Sicherheitswissenschaftler mit langer Lehrerfahrung stehen mir die Haare zu Berge, ob der Meinung der Frau Herrscher. Natürlich reichen Zucker, Salz und Essigwasser nicht aus um echtes Verständnis zu wecken und auch nicht, um Verständnis für die Gefahren entwickeln zu können. Natürlich muss mit der entsprechenden Vorsicht experimentiert werden! Aber dass ist doch mit Zweck der Übung!
    Und natürlich muss es das echte Experimentiert sein, sonst wäre ein Buch oder ein Lehrfilm ja ausreichend.
    Leider sind die anderen Aussagen dieser Expertin noch schlimmer – das ist die Art des Umgangs, die Schüler und die werten Kollegen zu Duckmäusern macht.
    Wie sagte der (heute leider schlimme) Josef Fischer doch: „Mit Verlaub, Herr Präsident Sie sind ein Arschloch.“ Für die Diskussionskultur hat es positiv beigetragen.

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  2. Kopf hoch. Gegen Chrakterschweine und mißgünstige Neider im Lehrerzimmer haben aufrechte Menschen keine Chance, wie die Satire verdeutlicht.

    Unter Gottesanbetern, Verehrern von Regenzauber und Schamanentum und Bachblütenträumern wird gesteinigt, wer Jehova sagt.

    Unter Gottlosen ist es der Rufmord, der das bürgerliche Leben zerstört.

    Fachliche Nieten kompensieren ihren Selbsthaß nunmal durch Aggression gegen andere. Die Einheit und Reinheit des Lehrerkollegiums ist allemal wichtiger als fachliches Niveau und pädagogische Kompetenz.

    Ekelhaft, was sich in deutschen Lehrerzimmern und an deutschen Gerichten austoben darf, um seinen Haß auf anders Lehrende auszuleben.

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  3. Wir leben in einer gefährlichen Zeit. Das Gefährliche an dieser Zeit ist die Gefahr die überall lauert. Wir müssen diese Gefahr immer und überall bekämpfen, um die Gefährlichkeit der Gefahr zu reduzieren. Aus diesem Grund wurde ja der unheimlich wichtige Posten des Gefahrstoffbeauftragten geschaffen, dessen Aufgabe im Allgemeinen und natürlich auch im Besonderen, in der Bekämpfung der Gefahr und der Reduzierung der Gefährlichkeit besteht.
    Ist das Leben an einer Schule nicht schon gefährlich genug, sind unsere Schüler nicht täglich einer Vielzahl von Gefahren im Unterricht ausgesetzt? Muss es zum Beispiel sein, dass Schüler im Sportunterricht mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Sportbällen hantieren müssen, die bei Körperkontakt schmerzhafte Eindrücke hinterlassen können? Wer beim Völkerball schon mal von so einem runden Wurfgeschoss schmerzlich am Kopf getroffen wurde, wird wissen was ich meine.
    Diese Gefahr muss nicht sein, dieser Gefahr müssen wir unsere Schüler nicht aussetzen. Man könnte Völkerball auch mit einem Wattebausch spielen und den Lederball beim Fußball durch einen Softball ersetzen, das würde den Kindern manche blauen Flecke ersparen.
    Genau dies ist doch die Aufgabe einer Gefahrstoffbeauftragten, und genau dies ist auch meine Aufgabe im Chemie und Physikunterricht. Die Minimierung der Gefahr durch Reduzierung der Gefährlichkeit. Äh, ich meinte natürlich die Minimierung der Gefährlichkeit durch Reduzierung der Gefahr. Nur wer die Gefährlichkeit reduziert reduziert die Gefahr, oder andersrum, und außerdem bin ich die Gefahrstoffbeauftragte. UND DAMIT WIRD GEMACHT WAS ICH SAGE. DAS GILT AUCH FÜR SIE, SIE, SIE.
    SIE SIND EINE GANZ GEFÄHRLICHE GEFAHR FÜR UNSERE SCHÖLER. Wenn sie ihre Experimente machen, dann knallt es, da zischt es, und das Klassenzimmer stinkt hinterher wie ein Chemieklo. Das ist eine Zumutung für den ganzen Lehrkörper, die Schule und die Schüler. Erst letzte Woche erklärte mir ein Schüler, dass sie im Chemieunterricht ein gefährliches Streichholz angezündet haben, anstatt dafür ein handelsübliches Feuerzeug zu verwenden.
    Wie viel Bäume mussten eigentlich für ihren Chemieunterricht schon gefällt werden?
    Man sollte ihnen sämtliche Chemikalien aus dem Giftschrank entfernen. SIE SIND EINE GEFÄHRLICHE HEXE, DIE SOGAR EIS ZUM SCHMELZEN UND WASSER ZUM KOCHEN BRINGT! Muss das denn wirklich sein? Haben sie doch bitte etwas Verständnis für das Kollegium, und nehmen sie vor dem Unterricht lieber eine blaue Pille, dann können sie auch auf Peroxid im Unterricht verzichten. Bei mir funktioniert das doch auch.
    Mit kollegialen Grüßen

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  4. Wehret eben doch den Anfängen.

    http://www.bild.de/news/inland/explosion/chemikalien-gehen-hoch-junge-im-koma-53514600.bild.html

    Explosionsdrama im niedersächsischen Sarstedt (Landkreis Hildesheim)!

    Am Mittwochabend erlitt dort ein 15-jähriger Schüler schwerste Verletzungen an der rechten Hand. Er liegt nun in einem Hildesheimer Krankenhaus im Koma.

    Wie die Polizei mitteilte, war der Junge mit drei Freunden (13, 14 und 14 Jahre) unterwegs, als das Unglück passierte. In seiner Hosentasche waren Chemikalien explodiert, die die Jugendlichen am vergangenen Wochenende aus dem Chemieraum der Albert-Schweitzer-Schule geklaut hatten.

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    1. Dann sollten sicherheitshalber auch keine entsprechenden Chemikalien wie Aceton, Wasserstoffperoxid, Salzsäure, starke feste Oxidationsmittel, brennbare Stoffe wie Schwefel- und Metallpulver und Ähnliches mehr in Apotheken, Drogerie-Märkten, Baumärkten oder den Chemikalien-Kammern der Universitäten aufbewahrt und angeboten werden…
      Gegen Einbruch und Diebstahl kann es nirgendwo einen perfekten Schutz geben. Anleitungen zu Sprengstoffsynthesen findet man nach wie vor im Internet. Ein Chemieunterricht, der Experimente mit Explosivstoffen oder explosiven Mischungen zeigt, aber gleichzeitig die erheblichen Risiken beim Umgang selbst mit kleineren Mengen sowie die rechtlichen Konsequenzen thematisiert, beugt der Neugierde am „Spiel mit dem Feuer“ eher vor. Ansonsten gilt: Wer sich in eine Gefahr begeben will, der wird auch eine finden, hier, dort oder halt woanders!

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