Formulierungshilfen für authentische Bekennerschreiben – der Anschlag auf den BVB-Bus in Dortmund

 

Wann ist ein Bekennerschreiben als authentisch einzustufen?

Man muss hier unterscheiden zwischen der Herkunft und dem Inhalt des Schreibens. Zum einen stellt sich die Frage, ob der Autor auch einer der Täter ist oder in deren Auftrag geschrieben hat.  Zum anderen muss geklärt werden, ob die Selbstbezichtigung glaubwürdig erscheint, der Anschlag also nicht einer anderen Gruppierung untergeschoben werden soll.

Wenn Form und Sprachstil zum angeblichen Bekenner-Kreis passen, weist dies zwar auf eine Authentizität hin, mehr aber auch nicht. Ist der „Fälscher“ fähig genug, so könnten die Gutachter getäuscht werden.

Wenn ein verspätet eintreffendes Schreiben per E-Mail an die Medien gerichtet wird, so müsste dies Täterwissen enthalten, um als echt in Frage zu kommen. Ansonsten ist es mehr als wahrscheinlich, dass man es mit Trittbrettfahrern zu tun hat.

Ein weiterer Hinweis auf die Authentizität ist sicherlich der Tathergang. Bei den Bomben in Dortmund sollen nach Presseangaben militärischer Sprengstoff, den es auch in Bundeswehrbeständen gibt, sowie militärische Zünder verwendet worden sein. Hier muss untersucht werden, welche Wege der Beschaffung in Frage kommen.

 

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bvb-anschlag-stammt-der-sprengstoff-von-der-bundeswehr-14973216.html

15.04.2017

Der bei dem Anschlag auf die Fußballer von Borussia Dortmund (BVB) verwendete Sprengstoff stammt einem Zeitungsbericht zufolge möglicherweise von der Bundeswehr. Das berichtete die „Welt am Sonntag“ am Samstag vorab unter Berufung auf Ermittlerkreise. „Der Sprengstoff in den Rohrbomben, die mit Metallstiften gefüllt waren, stammt eventuell aus Beständen der Bundeswehr“, zitierte das Blatt Insider. „Aber das wird noch geprüft.“ Der militärische Zünder setze Fachkenntnisse voraus und habe sich nicht leicht beschaffen lassen. Es bestünden den Ermittlern zufolge weiterhin Zweifel, ob die Bomben von islamistischen Extremisten gezündet worden seien…

 

In den drei am Tatort gefundenen Bekennerschreiben ist vom Islamischen Staat nur einmal die Rede, in Verbindung mit der Benennung einer Todesliste. Ein Handeln im Auftrag des IS wird damit lediglich suggeriert.

 

http://www.sueddeutsche.de/politik/dortmund-das-schreiben-vom-tatort-im-wortlaut-1.3462691

12. April 2017

Nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund ist in der Nähe des Tatortes ein Schreiben mit möglicherweise islamistischem Hintergrund gefunden worden. Die Behörden prüfen seine Echtheit. Das Schreiben liegt der Süddeutschen Zeitung, dem NDR und WDR im Wortlaut vor:

„Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen, 12 ungläubige würden von unseren Gesegneten Brüder in Deutschland getötet. Aber anscheinend scherst du dich Merkel nicht um deinen kleinen dreckigen Untertanen. Deine Tornados fliegen immer noch über dem Boden des Kalifats, um Muslime zu Ermorden. Jedoch wir bleiben standhaft durch die Gnade Allahs.

Ab sofort stehen alle ungläubigen Schauspieler, Sänger, Sportler und Sämtliche prominente in Deutschland und anderen Kreuzfahrer-Nationen auf Todesliste des Islamischen Staates.

Und das solange die folgenden Forderungen nicht erfüllt werden:

– Tornados aus Syrien abziehen. – Ramstein Air Base muss geschlossen werden.“

 

Islamwissenschaftler haben festgestellt, dass die radikalislamische Motivation vorgetäuscht sein könnte, weil Form und Schreibstil nicht zum IS passten.

 

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/erhebliche-zweifel-an-islamistischem-bvb-bekennerschreiben-14972750.html

14.04.2017

… In der Nähe des Tatorts in Dortmund waren drei textgleiche Bekennerschreiben gefunden worden, deren Authentizität aber in Zweifel gezogen wurde. NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ berichteten unter Berufung auf eine islamwissenschaftliche Untersuchung, möglicherweise hätten der oder die Verfasser eine radikalislamische Motivation nur vorgetäuscht.

Was gegen die Authentizität des Schreibens spricht

Zum einen sei der Sprachgebrauch untypisch, und es fehlten Symbole des IS. Zudem seien nach IS-Anschlägen noch nie Bekennerschreiben am Tatort gefunden worden. Stutzig machten die Experten auch die Forderungen nach dem Abzug von Tornado-Kampfflugzeugen der Bundeswehr aus Syrien und die Schließung des amerikanischen Luftwaffenstützpunktes Ramstein – derartige Forderungen seien für den IS untypisch….

 

Sicherheitsexperten sollen angeblich davon ausgehen, dass das Schreiben von einem deutschen Muttersprachler verfasst worden sei, der die Fehler bewusst eingebaut habe, um den Verdacht auf einen Ausländer zu lenken. Auf mich wirken die Fehler im Schreiben durchaus echt. Als Autor kommt genauso gut ein Moslem mit Migrationshintergrund in Frage, der in Deutschland die Schule besucht hat.

 

Würde das folgende „Bekennerschreiben“ als „Original IS“ durchgehen?

 

  1. Radjab 1438

Durch Allahs Güte rückte eine Gruppe Gläubiger von den Soldaten des Kalifats – möge Allah sie ehren und zum Sieg verhelfen – aus, das kreuzzüglerische Deutschland als Ziel, welches nicht aufgehört hat, den Islam und die Muslime in Syrien mit seinen Tornados zu bekämpfen.

Sie führten ihre Operation an einem beweglichen Objekt mit militärischer Präzision aus, um die ungläubigen Spieler einer der bekanntesten Fußballmannschaften Deutschlands zu treffen.

Die prominenten Vertreter der Ungläubigen werden weiterhin an oberster Stelle der Angriffsliste des Islamischen Staates verbleiben, und was bevorsteht, ist gewaltiger und bitterer, durch Allahs Erlaubnis und alles Lob gebührt Allah für sein Verhelfen zum Erfolg.

Allah sprach:  Und sie dachten, dass ihre Burgen sie gegen Allah schützen würden. Doch Allah kam von (dort) über sie, woher sie es nicht erwarteten, und warf Schrecken in ihre Herzen, so dass sie ihre Häuser mit ihren eigenen Händen und den Händen der Gläubigen zerstörten.  So zieht eine Lehre daraus, o die ihr Einsicht habt! (Al-Hašr 2)

 

Das vor Ort gefundene Bekennerschreiben schließt meiner Ansicht nach eine islamistische bzw. dschihadistische Motivation nicht aus. Nicht jeder Täter oder jede Gruppierung, die sich berufen fühlt, im Sinne des IS und der Gegner der völkerrechtswidrigen Angriffskriege im Nahen Osten Anschläge in Deutschland zu verüben, muss mit dem IS auch nur in irgendeiner Form in Kontakt stehen oder jemals in Kontakt gestanden haben. Es hat schon genügend sogenannte Selbstradikalisierungen von Muslimen gegeben.

Warum soll sich nicht jemand radikalisiert haben, der im Umgang mit Sprengstoff ausgebildet ist und Zugang zu militärischem Sprengstoff hat oder über die Kontakte verfügt, diesen zu besorgen?

Und warum sollte sich der IS auf seinen offiziellen Kanälen zu etwas bekennen, mit dem seine Anführer nichts zu tun haben? Das Ziel des Anschlags, die Vorgehensweise und vor allem die gestellten Forderungen werden von der Führung des Islamischen Staates möglicherweise sogar abgelehnt.

Der oder die Täter scheinen sich mit dem Thema Ramstein und der Art der deutschen Kriegsbeteiligung in Syrien beschäftigt zu haben. Die Forderung, Ramstein Air Base zu schließen, wird auch von Linksextremisten, Rechtsextremisten und „Rechtspopulisten“ gestellt.

Aber genügt das, um den Anschlag beispielsweise rechten Gruppierungen zuzuordnen und anzunehmen, dass hier dem IS ein Attentat untergeschoben werden sollte, um Misstrauen und Hass gegen Flüchtlinge zu schüren?

Ich halte diese Vermutung für ziemlich abwegig. Als ob die Gefahr durch die zugereisten IS-Kämpfer nicht spätestens seit dem Anschlag von Berlin in den Köpfen der meisten Deutschen angekommen ist. Und einen versuchten Anschlag auf ein Fußballspiel hat es bereits in Paris gegeben, auch hier wären unter Umständen Spieler verletzt oder getötet worden, wenn die Selbstmordattentäter Zugang zum Stadion im Länderspiel Deutschland gegen Frankreich erhalten hätten. Und eine Fußball-Mannschaft sieht für mich definitiv nicht aus wie ein geeignetes Ziel für eine rechtsterroristische Gruppierung. Um den Verdacht auf den IS zu lenken, wären da weniger selbstschädigende Ziele denkbar…

Dem rechtsextremen Bekennerschreiben vom 14.04.2017 wird angeblich Authentizität bezüglich der politischen Orientierung des Autors unterstellt, dafür aber wird vermutlich aufgrund des verspäteten Eintreffens per E-Mail und wegen des fehlenden Täterwissens auf einen Trittbrettfahrer getippt. Aber auch in diesem Fall besteht keinerlei Gewissheit. Es kann nicht so schwer für einen Linksextremisten sein, ein echt wirkendes rechtsextremistisches Bekennerschreiben aufzusetzen. Die üblicherweise verwendeten Floskeln finden sich in allerlei Veröffentlichungen im Internet und sind der Antifa bestens bekannt. Da Rechtsextreme aufgrund der maßlosen Übertreibung antifaschistischer Sprachgestaltung und Meinungsäußerung als Urheber des Bekennerschreibens auf dem Antifa-Portal indymedia.org zu vermuten sind, könnte man durchaus annehmen, dass nun wohlmöglich ein Antifa-Aktivist als Rache das „rechtsextreme“ E-Mail-Bekennerschreiben aufgesetzt hat.

Theoretisch könnte auch ein Anti-Ramstein- Aktivist der linken Szene mit Migrationshintergrund oder ein deutscher Konvertit aus der Antifa-Szene zum Islamisten mutiert sein. Zweifel bezüglich der Fähigkeit, an militärischen Sprengstoff zu gelangen und mit diesem umgehen zu können, wären hier allerdings berechtigt.

 

Was sagen uns also die drei Bekenntnis-Varianten?

Mit den passenden Formulierungshilfen und der politisch gewünschten Schuldzuweisung lassen sich mühelos mediale Vorverurteilungen in Szene setzen und möglicherweise sogar Ermittlungen in die staatlicherseits bevorzugte Richtung hin manipulieren.

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s