Der Abgang von Andrej Holm – warum ein linksextremer Sozialwissenschaftler mit Stasi-Vergangenheit kein Staatssekretär sein darf

 

Wer ist Andrej Holm?

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Andrej_Holm

Andrej Holm (* 8. Oktober 1970 in Leipzig) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler mit den Themenschwerpunkten StadterneuerungGentrifizierung und Wohnungspolitik. Er war 2016/17 kurzzeitig Staatssekretär für Wohnen in der rot-rot-grünen Landesregierung von Berlin

Im September 2006 leitete die Bundesanwaltschaft gegen Holm ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (§ 129a StGB) ein, in dessen Folge er am 31. Juli 2007 verhaftet wurde…

Die Verhaftung stieß auf Kritik, weil sich die Verdachtsmomente weniger auf konkrete Handlungen als mehr auf gentrifizierungskritische Äußerungen in wissenschaftlichen Publikationen Holms stützten. Daher forderten 43 Wissenschaftler aus dem In- und Ausland sowie die Soziologen Richard Sennett und Saskia Sassen in offenen Briefen die Freilassung Holms. Am 24. Oktober 2007 hob der Bundesgerichtshof den Haftbefehl endgültig auf, weil die Ermittlungen keine hinreichenden Indizien für einen dringenden Tatverdacht ergeben hätten, zudem handele es sich bei der Gruppe lediglich um eine kriminelle (§ 129 StGB) und nicht um eine terroristische Vereinigung (§ 129a StGB). Gegen Holm wurde keine Anklage erhoben, das Verfahren wurde am 5. Juli 2010 mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt…

 

Andrej Holm war 2007 aufgrund von Ermittlungen des Bundeskriminalamtes gegen die „militante gruppe“ (mg) als Chef-Ideologe der zu diesem Zeitpunkt noch als  terroristisch eingestuften Vereinigung verhaftet worden.

 

 http://www.zeit.de/online/2007/32/militante-gruppe-bka/seite-2

Von Kai Biermann

  1. September 2009

Insgesamt zehn Mal hinterließen die Brandstifter Bekennerschreiben, die mit „militante gruppe“ unterschrieben waren, oder schickten solche an verschiedene Zeitungen. Vermutet wird jedoch, dass insgesamt mehr als 20 Anschläge auf das Konto der Gruppe gehen…

Die Ermittler vermuteten seit Jahren, dass die Gruppe nicht aus der Illegalität heraus agierte, sondern ein ganz normales Leben führte und sich eher nebenbei den Brandanschlägen widmete. Die Festnahmen scheinen das zu bestätigen. So soll Oliver R. in Berlin ein Antiquariat betreiben, ein anderer der Verhafteten soll Krankenpfleger sein, ein dritter promovierter Soziologe.

Mir ihren Anschlägen will die mg erklärtermaßen kommunistische Bewegungen initiieren und gegenwärtige Strukturen zugunsten einer kommunistischen Weltordnung beseitigen, wie das BKA schreibt. Erreicht haben sie damit lediglich, dass in Teilen der linken Szene eine neue Debatte um Militanz geführt wird – am Leben gehalten vor allem durch die Texte der mg selbst. In der Öffentlichkeit wurde sie kaum wahrgenommen. 

 

Ich war damals schockiert und empört über das Vorgehen der Behörden gegen einen Sozialwissenschaftler, den man des Schreibens der Bekennerbriefe bezichtigte, nur weil der Schreibstil und vor allem die verwendeten Begriffe denen in Holms wissenschaftlichen Veröffentlichungen ähnelten. Andrej Holm war an einem frühen Morgen brutal in Gegenwart seiner kleinen Kinder und seiner Lebenspartnerin Anne Roth von einem Sondereinsatzkommando aus seinem Umfeld gerissen worden. Dieser Alptraum des linken Aktivisten dauerte zwar nur drei Wochen, die Ermittlungen wurden jedoch erst im Juli 2010 eingestellt. Anne Roth informierte auf ihrem Blog über den Stand des Verfahrens und das persönliche Erleben der jahrelangen Ausnahmesituation. Ich habe die Journalistin einmal bei der „Freiheit statt Angst“-Demo 2010 in Berlin reden hören.

 

https://annalist.noblogs.org/post/2009/07/11/ganz-seltsam-war-es-sachen-f-r-den-knast-zusammenzupacken-interview-mit-der-roten-hilfe/

Posted on 11. Juli 2009 by anne 

… Am 31. Juli 2007 wurde dein Partner Andrej Holm im Rahmen des mg-Verfahrens verhaftet. Wie lief die Aktion ab?

Gegen sieben Uhr morgens hämmerte es an unsere Wohnungstür. Ich habe noch geschlafen und wachte auf, als mehrere Sachen gleichzeitig passierten: jemand rief „Polizei, Polizei!“, Andrej sprang aus dem Bett, streifte sich eine Hose über und rannte zur Tür. Er schaffte gerade noch, sie aufzumachen, und dann hörte ich ein sehr lautes dumpfes Geräusch. Später wurde mir klar, dass das hereinstürmende Kommando ihn zu Boden geworfen hatte. In der ganzen Wohnung verteilten sich Polizisten mit gezogenen Waffen, die die Wohnung „sicherten“, etwa so, wie das auch in Krimis zu sehen ist. Es war wahnsinnig laut und die Atmosphäre sehr aggressiv…

Gleichzeitig habe ich aber auch vor allem an unsere Kinder gedacht, weil ich natürlich nicht wollte, dass die beim Aufwachen als erstes ein Monster mit gezogener Waffe sehen. Es stimmt also nicht ganz, dass ich gar nichts gesagt habe, weil ich den Typ, der vor meinem Bett auftauchte, angeschrieen habe, dass Kinder in der Wohnung sind und dass sie damit aufhören sollen. Das Denken setzte erst viel später wieder ein.

Kurz danach wurde es etwas ruhiger, aber nicht weniger aggressiv. Mir wurde gesagt, dass ich mich und die Kinder anziehen und die Kinder in die Kita bringen solle. Ich erinnere mich an diesen Teil nicht sehr genau, das ist wie ein Film abgelaufen. Das Gefühl, mir selber wie in einem Film zuzugucken, hat übrigens erst wieder aufgehört, als Andrej nach gut drei Wochen wieder entlassen wurde….

Es war sehr eigenartig, in der eigenen Wohnung behandelt zu werden, als sei ich selber festgenommen – ich musste auch fragen, ob ich mal auf’s Klo darf, durfte nicht telefonieren, musste aushalten, dass ein bewaffneter Beamter neben meinen frühstückenden Kindern in der Küche stand – und kurz danach durfte (und sollte) ich mit den Kindern in die Kita und war wieder ganz allein…

Als ich realisiert habe, dass Andrej halb angezogen mit Handschellen auf dem Rücken auf dem Sofa nebenan saß, habe ich gefragt, ob ich ihm Kaffee und was zum Anziehen bringen kann und das dann gemacht…

 Die Stürmung der Wohnung und Andrejs Festnahme war vom Berliner LKA gemacht worden, weil das BKA erst gegen 11 Uhr ankam. Die BKAler haben später erzählt, dass sie erst am frühen Morgen benachrichtigt worden waren, und weil die Abteilung Linksextremismus des BKA in Meckenheim (bei Bonn) sitzt, haben sie es nicht rechtzeitig geschafft…

 

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Anne Roth als Rednerin auf der „Freiheit statt Angst“-Demo am 11.09.2010 in Berlin

 

Sicher ist, dass Andrej Holm Kontakt zu militanten Linksextremisten pflegte und sich dabei äußerst konspirativ verhielt, was allerdings nichts beweist.

 

https://einstellung.so36.net/%5Bnid%5D

Noch offen ist der Ausgang der Revision gegen das Urteil im Prozess gegen Axel, Florian und Oliver. Der BGH wird darüber in den nächsten Monaten entscheiden.

Das Urteil gegen Axel, Florian und Oliver wurde auch mit dem Kontakt zu Andrej begründet. Jetzt fällt dieses anfängliche Ermittlungskonstrukt in sich zusammen. Dadurch, dass die Bundesanwaltschaft dies erst neun Monate nach dem Urteil bekannt gibt, konnten ihre Verteidiger darauf im Revisionsverfahren nicht zurückgreifen.

Ergänzung aus der Rede von Anne Roth auf der „Freiheit statt Angst“-Demonstration am 11.9.2010:

„Im Juli 2010 bekam Andrej Post von der Staatsanwaltschaft: das Verfahren wurde endlich eingestellt. Im selben Schreiben steht mehr oder weniger deutlich, dass sie finden, dass sie trotzdem irgendwie recht hatten. Und dass sie die ganzen Akten an die Staatsanwaltschaft in Berlin übergeben.

Und warum? Wir fragten, ob es also in Berlin ein neues Verfahren gebe. Die Antwort war: Das können wir nach Paragraph soundso soundso nicht beantworten.

Die Antwort war nicht: Es gibt kein Verfahren. Das heißt tatsächlich nichts. Es kann auch sein, dass sie Arschlöcher sind und es uns einfach nicht sagen, dass es kein Verfahren gibt. Aber wir wissen es nicht.

Es folgte ein Schreiben zum Entschädigungsanspruch. Der immerhin wird Andrej zugestanden. Für die U-Haft, und für die Festnahme. Keine Entschädigung gibt es für die erste Hausdurchsuchung, die 16 Stunden dauerte, denn an der ist er selber schuld. Sein – Zitat – „Hang zur Heimlichkeit“, also das vielzitierte konspirative Verhalten war grob fahrlässig, heißt es. Denn: „Er gerierte sich als Mitglied der mg“ – der Gruppe, deren Mitgliedschaft ihm vorgeworfen wurde.

Es ist stiller geworden um diese Sache, und das ist gut so. Aber es ist immer noch nicht zu ende.“

 

Am 19. Juni 2010, kurz vor der Einstellung des Verfahrens gegen Andrej Holm, hatte ich auf dem Tag der offenen Tür des BKA in Wiesbaden die Gelegenheit mit einem Ermittler über das Vorgehen gegen Andrej Holm zu sprechen. In dem Verbindungsbereich zwischen den beiden auf dem Foto abgebildeten Gebäuden konnte man sich zum Thema Linksextremismus und Linksterrorismus informieren.

 

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Ausstellung „Linksextremismus“ im ersten Raum links (Brückengang),BKA Wiesbaden 2010 

 

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Rückseite, Ausstellung „Linksextremismus“ im ersten Raum rechts 

 

Als ich mich bei dem Betreuer des Ausstellungsraumes „Linksextremismus“ lautstark und in aller Deutlichkeit über das meiner Ansicht nach nicht rechtsstaatliche Vorgehen gegen Andrej Holm beschwerte, rief der etwas überforderte junge Mann einen fachkundigen Mitarbeiter der Behörde zur Hilfe. Dieser bestätigte mir gegenüber, dass man Herrn Holm immer noch als Kopf der „militanten gruppe“ sehe, aber man habe halt keine ausreichenden Beweise gegen ihn finden können. Er persönlich nehme das sportlich, also als Wettkampf, bei dem der Bessere gewinnt? Eine seltsame Sichtweise ist das schon, aber wohl die richtige Einstellung, um heutzutage Terror-Druiden-Schwemmen und rechte Internet-„Terroristen“ mit Gewaltphantasien zu bekämpfen.  Die Zahl der Ermittlungen gegen deutsche „Linkssterroristen“ scheint seit der Geburt des NSU-Phantoms gesunken zu sein. In Brandanschlägen und  in Anschlägen auf alle Gegner mit dem Stempel rechts sieht man jedenfalls keinen Linksterrorimus mehr.

Im Prinzip habe man Herrn Holm mit der Verhaftung und den Ermittlungen gegen ihn sogar einen Gefallen getan, erklärt mir der Beamte.  Erst durch die Festnahme und die internationale Unterstützung sei Holm in der linken Szene zum Star geworden und habe viele Einladungen für Vorträge erhalten. Bis dahin habe er sich zwar um Anerkennung in der Szene bemüht, viele Aktivisten seien ihm aber eher mit Ablehnung und Misstrauen begegnet. Holm habe kein Charisma. In der gesamten militanten linksextremen Szene gäbe es keine charismatischen Führungspersönlichkeiten, so dass die Gefahr des Linksterrorismus gering sei. Und überhaupt würde man den Linksextremisten in Deutschland viel mehr durchgehen lassen als in irgendeinem anderen Land der Welt.

Was damals nur eingeschränkt zutraf, ist heute tatsächlich Realität, im mittlerweile staatlich geförderten „Hier ist alles erlaubt“-Kampf gegen rechts…

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Böse Blicke von oben? (auf dem BKA-Gelände Wiesbaden 2010 )

 

Ich  habe Andrej Holm nur einmal live erlebt, bei einem Vortrag im Bochumer Bahnhof Langendreer im Jahr 2013 zum Thema „Recht auf Stadt“. Was er sagte, war zwar nicht falsch, der Funke sprang jedoch nicht über und mein Sympathie-Empfinden hielt sich in Grenzen. Ich erinnerte mich an die Aussagen des Beamten vom BKA. Das Charisma war tatsächlich gleich Null.

 

http://www.coolibri.de/redaktion/kultur/0413/interventionen-stadt-fuer-alle.html

20.03.2013, 

Autor: Michael Blatt

Ob München, Athen oder Tel Aviv, weltweit protestieren Menschen in aller Regelmäßigkeit gegen Sozialkürzungen, Mietwucher und Privatisierung öffentlichen Eigentums. Hintergrund: „Städte agieren zunehmend wie Unternehmen“, wie Stadtsoziologe Andrej Holm Mitte März zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Interventionen – Stadt für alle“ im Bochumer Bahnhof Langendreer anführt.

Die Organisatoren hatten Holm als Impulsgeber eingeladen, um zunächst zusammenzufassen, was sich hinter der Parole „Recht auf Stadt“ verbirgt, und ob das Erstreiten dieses Recht im Ruhrgebiet überhaupt erstrebenswert bzw. notwendig ist. Denn im Gegensatz etwa zum Gängeviertel in Hamburg und den Berliner Ortsvierteln Kreuzberg und Neukölln gibt es in der hiesigen Region nur ganz vereinzelt, wie zum Teil in Dortmund-Hörde am Phoenix-See, Anzeichen von Gentrifizierung, heißt von Mietpreisexplosionen und der Verdrängung ganzer Bevölkerungsschichten aus einem Stadtteil.

 

Als im Dezember 2016 die Diskussion um Holm als neuen Berliner Staatssekretär für Wohnen für die in der Regierungskoalition beteiligten LINKEN entbrannte, zweifelte ich keinen Moment daran, dass der ehemalige „Staatsfeind“ Holm nicht zu halten sein würde. Staatssekretäre werden nach der Probezeit verbeamtet. Dies würden die Sicherheitsbehörden niemals zulassen – und man hatte schließlich etwas gegen ihn in der Hand. Seine Stasi-Vergangenheit hatte die Berliner Humboldt-Universität über ein Jahrzehnt lang nicht interessiert und nun hat man den wissenschaftlichen Mitarbeiter auf Druck von oben entlassen. Holm hat sich zu weit aus dem Fenster gelehnt und so alles verloren. Er hätte sich denken können, dass man ihn nicht auf einem Regierungsamt belassen würde, von dem aus er die Wohnungspolitik Berlins stören und eventuell Investoren hätte abschrecken können, wo diese mit Sicherheit tief in die Regierungspolitik hinein verwurzelt sind.  Es ist schon so wie Andrej Holm es gesagt hat, Städte agieren zunehmend wie Unternehmen –  und der Verkauf von Grundstücken sowie die Vermietung von „Edelwohnungen“ bringt in Städten mit Wohnungsmangel wie Berlin nun mal sehr viel Geld ein. Daran stoßen sich auch gerne Politiker gesund, beispielsweise über Firmenbeteiligungen oder Aufsichtsratsposten in Unternehmen, die auch nahen Verwandten gehören können.

Der Posten als Staatssekretär war für Holm äußerst attraktiv, besonders wegen der in Aussicht gestellten finanziellen Sicherheit.

 

http://www.tagesspiegel.de/berlin/rot-rot-gruen-in-berlin-alles-ueber-die-neuen-staatssekretaere/14968848.html

… WAS TUN STAATSSEKRETÄRE?

Kein Senator kommt ohne Staatssekretäre aus. Sie sind die ständigen Vertreter der Senatoren, sie steuern die Verwaltung und halten den Senatsmitgliedern den Rücken frei. Die Staatssekretärsrunde am Montag bereitet auf Arbeitsebene die Senatssitzung am Dienstag vor.

WIE HOCH IST DER VERDIENST?

Staatssekretäre, die bisher keine Beamten sind, werden als Beamte auf Probe, dann auf Lebenszeit ernannt. Sie werden in Berlin nach der Besoldungsgruppe B7 bezahlt. Das entspricht einem Grundgehalt von 8900 Euro brutto monatlich…

 

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/berliner-staatssekretaer-holm-hat-nach-entlassung-keinen-anspruch-auf-leistungen-14659053.html

… Der wegen seiner Stasi-Vergangenheit umstrittene Bau-Staatssekretär Andrej Holm (parteilos) hat nach seiner angekündigten Entlassung keinen Anspruch auf finanzielle Übergangsleistungen oder andere Gelder. Das teilte die Senatskanzlei am Sonntag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Holm sei Beamter auf Probe und habe nach rund einem Monat Amtszeit keinerlei Ansprüche, hieß es. Das gilt auch für den Fall eines Rücktritts.

Im Land Berlin ist es üblich, dass Staatssekretäre auf Probe eingestellt werden. Die Probezeit beträgt maximal zwei Jahre. Nach frühestens einem Jahr ist eine Verbeamtung auf Lebenszeit möglich…

 

Der Traum währte kurz. Wie auf Knopfdruck stürzten sich die Regional-Medien auf Holms Stasi-Vergangenheit, die bei der von Justizminister Maas engagierten Zensur-beauftragten Anetta Kahane nahezu ohne Widerspruch toleriert wird.  Andersdenkende werden in der Öffentlichkeit diffamiert…

 

http://www.tagesspiegel.de/politik/amadeu-antonio-stiftung-streit-um-die-stasi-vergangenheit-von-anetta-kahane/14966422.html

3.12.2016 11:39 Uhr

Hubertus Knabe sieht sich als Stasi-Experte – und attackiert heftig die Chefin der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane. Er bekommt nun Gegenwind. 

VON MATTHIAS MEISNER

Jens Gieseke vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam widersprach am Montag den Einschätzungen des Direktors der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, der Kahane vor einer Woche in einem Gastbeitrag des Magazins „Focus“ unter der Überschrift „Stasi-IM als Netz-Spionin?“ attackiert hatte. Gieseke, selbst Mitglied des Beirats der Gedenkstätte Hohenschönhausen, nennt Knabes Intervention „fatal“. Seine Argumentation folge „dem eingeschliffenen Muster, ausgerechnet der Stasi das letzte Wort über das Schicksal von heutigen politischen Akteuren zuzusprechen“...

Obwohl Kahane 1984 aus der DDR ausgereist sei, habe sie ihre MfS-Biographie jahrelang verschwiegen, schrieb Knabe…

Weiter schreibt Hubertus Knabe, Kahane habe später erklärt, vom Ministerium für Staatssicherheit unter Druck gesetzt worden zu sein – „was laut Akten nicht stimmt“. Es sei daher unverständlich, warum das Bundesjustizministerium ausgerechnet Anetta Kahanes Stiftung für eine „sensible Aufgabe wie die Kontrolle des Internets“ herangezogen habe. „Es wäre gut beraten, die Zusammenarbeit mit ihr zu beenden.“ Kahane hatte 1998 die gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus engagierte Stiftung gegründet…

Die Kritik an der Stiftung von rechts hatte sich in den vergangenen Wochen wieder verschärft. Erst am Wochenende nannte die frühere Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld (erst Bündnis 90/Die Grünen, dann CDU) die von Justizminister Heiko Maas (SPD) eingesetzte Task Force gegen Hatespeech eine von der Stiftung angeführte „Internet-Spitzeltruppe“. Die Anzeigen wegen „Hassbotschaften“ im Netz hätten deutlich zugenommen, allerdings zum ganz überwiegenden Teil „keine juristische Relevanz“ gehabt, schrieb sie in ihrem Blog. Maas habe ein „Verfahren außergerichtlicher Zensur in Gang gesetzt“…

 

Ex-Stasi darf man halt nur dann folgenlos sein, wenn man den Mächtigen uneingeschränkt dient.

 

Der Abgang von Andrej Holm:

 

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/andrej-holm-berliner-staatssekretaer-mit-stasi-vergangenheit-a-1125500.html

Von Kevin Hagen und Annett Meiritz

 

Andrej Holm

Montag, 12.12.2016   15:36 Uhr

Normalerweise interessiert sich kaum jemand für Staatssekretäre einer Landesregierung. Im Fall des neuen rot-rot-grünen Berliner Senats ist das anders. Regionalmedien schreiben von einem „Tabubruch“, zitieren aus Stasi-Dokumenten und debattieren über die umstrittenste Personalie der Hauptstadtpolitik: Der parteilose Sozialwissenschaftler Andrej Holm soll als Staatssekretär bei der Bausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) beginnen…

Der 46-Jährige prägte den Begriff der Gentrifizierung in Großstädten mit und forschte zuletzt an der Humboldt-Universität über steigende Mieten und Wohnungsknappheit. Er ist prominenter Experte auf seinem Fachgebiet und kämpft unter anderem für bezahlbare Mietpreise und gegen ausufernde Immobilienspekulationen.

Doch seine Vergangenheit bei der Stasi, und nach dem Mauerfall als Hausbesetzer und linker Aktivist, wirft die Frage auf, ob Holms Lebensentscheidungen mit seinem neuen Top-Job zusammenpassen.

Früher beim DDR-Spitzelapparat – heute ein Regierungsamt? Geht das – oder geht das gar nicht? …

Andere Kritiker wiederum scheinen vornehmlich gegen die bundesweit einzige SPD-geführte rot-rot-grüne Koalition vorgehen zu wollen. Bisweilen wird dann nicht nur Holm selbst attackiert, sondern auch dessen Ziel einer sozialen – und damit womöglich investorenfeindlichen – Wohnungspolitik. Der Koalitionsvertrag sieht unter anderem mehr Sozialwohnungen und eine strenge Mietpreisbremse vor…

 

https://www.jungewelt.de/2017/01-17/004.php

… Holm hatte im Alter von 18 Jahren im September 1989 als Anwärter für die Laufbahn als Berufsoffizier im Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) seinen Dienst im MfS-Wachregiment »Feliks Dzierzynski« angetreten. Dieses war bereits Ende Januar 1990 aufgelöst worden. Vorgeworfen wurde ihm nicht sein persönliches Verhalten während dieser fünf Monate. Er soll bei seiner späteren Anstellung an der Berliner Humboldt-Universität 2005 falsche Angaben über die Hauptamtlichkeit der kurzen MfS-Tätigkeit gemacht haben. Die Hochschule hat aber offiziell noch nicht entschieden, ob er seine Stelle dort verliert.

Holm erklärte am Montag, bei der Forderung, ihm sein neues Amt zu entziehen, sei es »nicht nur um meine Zeit bei der Stasi und um falsche Kreuze in Fragebögen« gegangen, »sondern vor allem um die Angst vor einer Wende im Bereich der Stadt- und Wohnungspolitik«. Er kündigte an, weiter dafür zu kämpfen: »Um gemeinsam zu überlegen, wie wir auch ohne mich als Staatssekretär eine soziale Wohnungspolitik in Berlin am besten durch- und umsetzen können, lade ich alle Interessierten und insbesondere die zahlreichen stadt- und mietenpolitischen Initiativen heute abend um 18 Uhr zur öffentlichen Diskussion ein.« Das Treffen sollte am Montag im Wedding stattfinden. (jW)

 

Wahrscheinlich hat Holm gelogen, weil er annahm, dass die Wahrheit ihm seine beruflichen Ambitionen hätte zerstören können. Es war seine Vergangenheit, die einem möglichen Beamtenstatus entgegenstand, und die hätte er mit und ohne Lügen nicht ungeschehen machen können.

 

http://www.tagesspiegel.de/wissen/turners-thesen-im-fall-holm-hat-die-hu-noch-viel-zu-erklaeren/19319286.html

30.01.2017

Die Humboldt-Universität hat in Sachen Andrej Holm viele Widersprüche zwischen auszuräumen, sagt unser Kolumnist George Turner, Wissenschaftssenator a.D. 

VON GEORGE TURNER

Die Humboldt-Universität hat ihrem wissenschaftlichen Mitarbeiter Andrej Holm gekündigt, weil er noch während seiner Kandidatur für das Amt des Staatssekretärs über seine Vergangenheit gelogen hat. Sein Interview in der „taz“ im Jahr 2007 wurde von seinen Anhängern als vorbildliche, freiwillige Offenbarung gepriesen.

Heute wissen wir: Er sagte die Unwahrheit. Warum hat sein Arbeitgeber damals nicht überprüft, was er über sich gesagt hat?…

Oder gilt bei Holm wie beim Ex-HU-Rektor Heiner Fink – die Hochschule wird nur tätig, wenn der Druck von außen größer ist als das innere Bedürfnis nach Vertuschen?…

Ein Publizist machte sich die Mühe und gibt nicht nur die lobenden – immer anonymen – Kollegen des Soziologen wider, sondern las Holms Veröffentlichungen selbst: Götz Aly stößt auf Gesinnungen, die die Wirklichkeit lange widerlegt hat. Dazu Bekenntnisse gegen die parlamentarische Demokratie (wofür andere sich schon mal eine Überprüfung ob ihrer Verfassungstreue gefallen lassen mussten) und für die „Selbstermächtigung“ von Partikularinteressen…

 

Die Vergangenheit kann Menschen einholen. Vor allem bei politischen Posten sollte jeder Kandidat sich fragen, was die Sicherheitsbehörden und speziell die Geheimdienste gegen ihn in der Hand haben könnten, denn durch solche „schwarzen Flecken“ lässt ein Politiker sich entweder erpressbar machen oder er wird von seinen Gegnern geschasst. Holms Entlassung und Rücktritt sehe ich als einen Abgang mit Ansage, der Abgang eines Wissenschaftlers, der die Realität ignoriert hat.

 

Ich lebe lieber in der Wüste der Realität als im Garten der Illusion.

© Daniel Hugentobler

 

Wenn die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen, werden dann die Träume real oder wird die Realität zum Traum?

© Benjamin Stramke

 

… dann wird die Realität zum Alptraum.

 

 

 

Ein Kommentar zu „Der Abgang von Andrej Holm – warum ein linksextremer Sozialwissenschaftler mit Stasi-Vergangenheit kein Staatssekretär sein darf

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