Die Helden-Syrer von Leipzig und ihre Überwältigung des Terroristen- Syrers Jaber Al-Bakr als Story in drei Varianten

 

Die drei Heldengeschichten in Kurzform:

  1. „Bild sprach mit der Leiche…“

http://www.bild.de/news/inland/terroranschlag/wie-nah-war-deutschland-an-einem-anschlag-48222414.bild.html

Al-Bakr (22) in der Leipziger Plattenbauwohnung – überwältigt von Landsleuten

 Von: NICOLE BIEWALD

10.10.2016 – 19:17 Uhr

Leipzig – Ein Mann hält den Terrorverdächtigen im Schwitzkasten. Die Füße sind mit einem Kabel zusammengebunden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, die Haare geschoren. So sitzt Dschaber Al-Bakr (22) auf einem Sofa im Plattenbauviertel Leipzig-Paunsdorf – anderthalb Tage nachdem er den Sicherheitsbehörden in Chemnitz entwischt war…

Ein Foto von Al-Bakr bevor ihn die Syrer in Leipzig fesselten

 Doch der gefährliche Bombenbauer blieb verschwunden. Bis Sonntagabend um 23.30 Uhr …

Da meldete sich der Syrer Mohammed A. (36) auf der Polizeiwache Leipzig Südwest – etwa 100 Kilometer vom Bombenlabor in Chemnitz entfernt. Er berichtete, er habe Al-Bakr gefesselt auf dem Sofa sitzen. Abholbereit!

Laut Mohammed A. hatte Al-Bakr am Samstag in einem Online-Netwerk syrischer Flüchtlinge geschrieben, er suche dringend eine Unterkunft, befinde sich am Leipziger Hauptbahnhof.

Mohammed A. (36) zu BILD: „Wir sind dann hingefahren und haben ihn mitgenommen. Wir waren erst bei einem Freund in dessen Wohnung, haben dort Reis mit Lammfleisch gegessen. Dann sind wir zu einem anderen Kumpel gefahren, weil es dort mehr Platz gab. Dort hat der Terrorist übernachtet.“…

Doch im Laufe des Tages sahen Mohammed und ein Freund auf Facebook Fahndungsaufrufe nach dem flüchtigen Terroristen aus Chemnitz. Al-Bakr erzählte ihnen, er sei gerade erst aus Syrien angekommen, hätte in Leipzig Aussicht auf einen Job.

► Doch die beiden Landsmänner glauben ihm nicht mehr. Als Al-Bakr sich am Sonntagabend wieder schlafen legt, posten sie ein Foto von ihm auf Facebook und diskutieren mit anderen Syrern, ob er der gesuchte Terrorist ist.

Als sie keinen Zweifel mehr haben, fesseln sie den Terroristen mit mehreren Verlängerungskabeln. Dann geht Mohammed zur Polizei, zeigt den Beamten das Bild des Gefesselten. Sein Freund bewacht den Bombenbauer in dieser Zeit…

 

  1. „Welt sprach mit einem Bekannten der Leiche…“


https://www.welt.de/politik/deutschland/article158677021/Wie-es-zum-Polizeizugriff-um-0-42-Uhr-kam.html

von Annelie Naumann | Stand: 11.10.2016 

Als alles vorbei und der flüchtige Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr in der Hand der Polizei ist, erzählt ein Bekannter von Mohammed A., dem Mann, der Al-Bakr den Beamten ausliefert hat, den ganzen Hergang. Mohammed A. selbst hat sich völlig zurückgezogen und verbirgt auch seinen wirklichen Namen – aus Angst vor der Rache des Islamischen Staats.

Sein Bekannter, mit den Vorgängen sehr gut vertraut, gibt den Hergang so wieder: Am Samstag klingelt das Telefon von Mohammed A., der in einem Plattenbauviertel in Leipzig-Paunsdorf wohnt. Am Telefon ein Mann, der vom Leipziger Hauptbahnhof aus um Hilfe bittet. Mohammed A. kennt den Mann nicht.

Woher der Mann seine Nummer hat, weiß der 36-jährige Syrer bis heute nicht. Doch er ist bekannt in der Szene, Flüchtlinge helfen sich untereinander. Auch Mohammed A. hilft oft. Und so hilft er auch am Samstagabend, als er den Hilfesuchenden in seiner kleinen Einraumwohnung in Paunsdorf übernachten lässt. Bei ihnen ist ein dritter Mann, der sich auch in der Wohnung aufhält. Deshalb macht sich Mohammed A. auch keine Sorgen, als er den Unbekannten am nächsten Morgen in seiner Wohnung zurücklässt, schwimmen geht und anschließend Freunde aus Syrien besucht.

Diese Freunde erzählen sich Neuigkeiten, essen zusammen und spielen mit ihren Handys. Sie scrollen sich durch die Sozialen Netzwerke, und plötzlich entdeckt Mohammed A. die Fahndungsaufrufe nach dem flüchtigen Terrorverdächtigen aus Chemnitz.

Er ist sich unsicher, ob der gesuchte al-Bakr wirklich der Mann daheim auf seinem Sofa ist. Er ruft einen Freund an und bittet ihn, in seine Wohnung in Leipzig-Paunsdorf zu fahren und den 22-Jährigen unauffällig zu fotografieren. Der Freund tut das und schickt die Fotos an Mohammed A. Nach kurzer Zeit sind sich die Freunde sicher, dass es der flüchtige al-Bakr ist, der – nicht ahnend, dass sich das Netz um ihn zusammenzieht – in Mohammed A.s Wohnung sitzt.

Gemeinsam mit dem anderen Syrer, der schon die ganze Zeit über in der Einraumwohnung ist, überwältigt Mohammed A.s Freund den schlafenden Landsmann. Mohammed A. kehrt nicht in seine Wohnung zurück…

Während die zwei Syrer über al-Bakr wachen, macht sich Mohammed A. auf den Weg zur nächsten Polizeiwache in Leipzig-Grünau, denn sein Deutsch ist zu schlecht, um sich der Polizei am Telefon verständlich zu machen. Doch auch auf der Wache verstehen ihn die Beamten nicht. Als er sich ihnen auch nach einer Stunde nicht verständlich machen kann, zeigt er ihnen die Fotos aus seiner Wohnung. Dann geht alles ganz schnell: Um 0.42 Uhr stürmt die Polizei die Wohnung im Leipziger Plattenbauviertel.

Erst nachdem alles vorüber ist, betritt Mohammed A. seine Wohnung wieder. Er hat al-Bakr nicht selbst überwältigt, gefesselt und ausgeliefert – aber er hat alles initiiert und organisiert. Ohne ihn wäre der flüchtige Terrorist nicht entdeckt und gefangen worden.

 

  1. „Spiegel lässt die Leiche wiederbeleben…“

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-aus-leipzig-jaber-albakr-wollte-uns-toeten-a-1116646.html

Freitag, 14.10.2016   17:58 Uhr

Die drei Flüchtlinge haben an einem geheimen Ort mehrere Stunden lang mit einem Team von SPIEGEL und SPIEGEL TV gesprochen. Aus Angst vor Islamisten in Leipzig haben sie sich bei Freunden in einer anderen deutschen Großstadt versteckt und wollen unter keinen Umständen nach Leipzig zurück. „Wir fühlen uns dort nicht sicher“, sagt Ahmed E…

SPIEGEL TV

Mittlerweile prüft das LKA Sachsen, ob die „Helden von Leipzig“ ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden können

 

Die ausführliche Version der drei Flüchtlinge findet man nur in der Print-Ausgabe. Die dort abgedruckte Darstellung zeigt gravierende Widersprüche zur Version auf welt.de, in der ein Bekannter von Mohamed A. berichtet hat, aber auch zur bild.de-Version, die auf einem Gespräch mit dem 36-Jährigen Mohammed A. zu beruhen scheint.

Nach eigenen Angaben sind die drei aus der selben Stadt in Syrien stammenden Flüchtlinge im vergangenen Sommer und Herbst über die Balkanroute als allein reisende männliche „Schutzsuchende“ nach Deutschland gekommen, während die Frau und die fünf Kinder des Friseurs Mohamed  A. sowie die Frau und die drei Kinder des 28-jährigen Maschinenbaustudenten Ahmed E. auf sich allein gestellt in Syrien haben bleiben müssen.

Die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen wird im Spiegel-Artikel folgendermaßen eingeschätzt:

„Alle drei sprechen mit gesenkter, brüchiger Stimme. Manche ihrer Aussagen widersprechen sich, andere lassen sich nur schwer überprüfen. Doch insgesamt wirkt ihr Bericht schlüssig.“

Der Ablauf nach der Spiegel-Ausgabe Nr. 42 vom 15.10.2016 mit dem Titel „Der Schattenkampf“  ist folgender:

  • Während des Abendessens bei einem syrischen Bekannten erhält Mohamed A. am Samstag, 8. Oktober den Anruf des ihm unbekannten Albakr, der angeblich Mohameds Nummer von einem Mann am Bahnhof erhalten haben soll.
  • Sami, gerade aus Stuttgart bei Mohamed A. zu Besuch und daher ebenfalls beim Bekannten, holt Albakr an der Tramhaltestelle Torgauer Platz ab, die sich in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofs befindet.
  • Mohamed fährt gemeinsam mit Sami und Albakr zu seiner Wohnung, Ahmed kommt später hinzu. Am Sonntagmorgen um 11 Uhr verlassen Mohamed, Sami und Ahmed das Haus ohne den angeblich müden Albakr, um schwimmen zu gehen. Sie lassen Albakr den ganzen Tag allein in der Wohnung des Mohamed A.
  • Am späten Sonntagabend entdecken Mohamed, Sami und Ahmed auf Facebook das Fahndungsfoto von Jaber Albakr, als sie bei einem Freund Karten spielen.
  • Ahmed und Sami begeben sich zum Polizeirevier Leipzig-Südwest, wo Ahmed erfolglos versucht, sich einer Beamtin verständlich zu machen.
  • Währenddessen schleichen sich Mohamed und der Freund vom Kartenspielen in Mohameds Wohnung. Sie überwältigen und fesseln den bereits schlafenden Albakr. Anschließend schicken sie über WhatsApp ein Foto des gefesselten Albakr an Ahmed, der es der Polizei zeigt.

 

Nach der Spiegel-Version müssten vier Syrer mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden, darunter wohlmöglich eine Frau, denn irgendwie sieht der Mann, der al-Bakr im Schwitzkasten hat, von der Kleidung und Figur her eher wie eine vorwiegend weibliche Person aus. Außerdem muss man sich fragen, wie das zweite Foto von al-Bakr, wach auf dem Sofa sitzend, nach der Spiegel-Version entstanden sein soll, wo die beiden Überwältiger-Helden doch erst den bereits gefesselten Albakr fotografiert haben wollen.

Im Bild-Interview war es noch so, dass Albakr in einem Online-Netzwerk syrischer Flüchtlinge vom Hauptbahnhof aus nach einer Bleibe gesucht haben soll. Außerdem wollen Mohamed A. und ein Freund nach dieser Version auf Facebook ein Foto von Albakr gepostet haben, um mit anderen Syrern zu diskutieren, ob es sich wirklich um den gesuchten Terroristen handelt. Wo waren aber dann zu diesem Zeitpunkt Sami und der anonymisierte Ahmed (veränderter Vorname!), die nach der Spiegel-Version doch gemeinsam bei dem Freund Karten gespielt haben wollen? Angeblich soll nach dem Bild-Bericht Mohamed zur Polizei gegangen sein, um das Foto zu zeigen, während sein Freund den Terroristen bewacht haben soll. Die welt.de-Version aus zweiter Hand lässt Mohamed A. jedoch bei der Überwältigung außer Hause sein, während ein Freund, der die ganze Zeit bei Albakr geblieben sein soll und ein anderer Freund die ruhmvolle Tat vollzogen haben sollen.

In welcher Wohnung für welchen Zeitraum Albakr denn nun übernachtet haben soll, darüber sind sich der Bild-Mohamed und der Spiegel-Mohamed trotz des identischen Alters scheinbar nicht einig…

Da die Spiegel-Version die letzte der drei Erzählungen zu enthalten scheint wäre es nicht ganz abwegig zu vermuten, dass sich die drei oder vier Syrer zwischenzeitlich auf diese wohlmöglich durch Zeugen oder Videoüberwachungsaufnahmen im öffentlichen Raum am besten abzusichernde Variante geeinigt haben. Es wäre natürlich auch denkbar, dass die Arabisch-Dolmetscher nicht immer dasselbe verstanden haben und die zahlreichen Widersprüche sich durch diese Erkenntnis in Luft auflösen. Und die Erzählung des Bekannten von Mohamed A. mag mehr Dichtung als Wahrheit enthalten. Es wäre interessant zu erfahren, welcher Tatablauf bei der Polizei zu Protokoll gegeben wurde, und welcher Dolmetscher dort übersetzt hat…

 

 

 

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